Dies & Das: Alles, was man neu über Zecken wissen muss

Günther Brandstetter, 23. März 2019

Im Vorjahr waren die Blutsauger äußerst aktiv. Das zeigte sich auch an den FSME-Fällen: 154 waren es, so viele gab es zuletzt vor mehr als 20 Jahren.

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FSME und Borreliose

foto: apa/dpa/patrick pleul
Zecken sind blind, sie riechen ihre Opfer. Mit ihren Krallen an den Vorderbeinen können sie blitzschnell zupacken und sich an Haut und Kleidung festhalten.

Sie sind kaum zu sehen, lauern im Gras, auf Büschen und Sträuchern. Ab Temperaturen von etwa fünf Grad Celsius werden sie aktiv. Während wir gemütlich durch Wiesen und Wälder spazieren und die Frühlingssonne genießen, hat uns der Gemeine Holzbock, vulgo Zecke, schon gerochen. Augen besitzt er nicht, er orientiert sich mit einem speziellen Geruchsorgan an den Vorderbeinen und seinen zahlreichen Tasthaaren. Damit kann er Bewegungen wahrnehmen, seine Opfer erkennt er am Geruch, an der Körperwärme und am ausgeatmeten Kohlendioxid.

Die typische Jagdposition des Spinnentiers: Es streckt seine Vorderbeine in die Höhe, um alle Duftstoffe der Umgebung wahrzunehmen. Streifen Tiere oder Menschen an einem von einer Zecke bewohnten Grashalm vorbei, packt der Parasit in Sekundenbruchteilen mit den Krallen an den Vorderbeinen zu und hält sich an Haut, Fell oder Kleidung fest. Anschließend sucht sich das Tier eine gut durchblutete Stelle, reißt mit seinen scherenartigen Mundwerkzeugen die Haut des Wirts auf und gräbt mit dem Stechrüssel eine Grube in das Gewebe.

Das Opfer spürt von alldem nichts, denn die Zecke betäubt mit ihrem Speichel die Bissstelle. Damit der Gemeine Holzbock nicht von seinem Wirt abfällt, verhakt er sich mit seinem Stechwerkzeug. Zusätzlich produziert er eine Art Klebstoff, mit dem er sich noch fester an die Haut heftet. Um das Blut verdauen zu können, gibt er überschüssige Mengen immer wieder an den Wirt zurück. Krankheitserreger werden so übertragen, zu den gefährlichsten zählt das FSME-Virus.

Der Mensch ist das Problem

Im Vorjahr erkrankten in Österreich insgesamt 154 Menschen an der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), fünf Patienten starben an den Folgen der Infektion – so viele wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Mehrere Gründe sind dafür ausschlaggebend: Eine Ursache liegt zwei Jahre zurück. Im Buchenmastjahr 2016 gab es ein üppiges Angebot an Bucheckern, die kleine Nagetiere, vor allem Mäuse, satt machten. Mehr Nahrung heißt auch mehr Mäuse, es gab also eine größere Anzahl von Zwischenwirten für die Zeckenlarven, die sich einige Monate später zu Nymphen und im Frühjahr 2018 schließlich zu erwachsenen Zecken entwickelten. Der milde Winter und warmes Frühlingswetter sorgten dafür, dass der Gemeine Holzbock schon zu Jahresbeginn überaus aktiv war.

Das größte Problem ist allerdings der Mensch selbst. Die Impfung ist der einzige Schutz gegen FSME, etwa eine von 100 bis 300 Zecken trägt den Erreger in sich. 82 Prozent der Österreich haben sich im Laufe ihres Lebens mit drei Teil- und einer Auffrischungsimpfung immunisieren lassen. „Aktuell besitzen nur noch 62 Prozent einen kompletten Impfschutz. Unter den Kleinkindern sind es nur rund 40 Prozent“, sagt der Wiener Kinderarzt Rudolf Schmitzberger. Die Immunisierungsrate sinkt seit Jahren, Schmitzberger führt das nicht auf eine zunehmende Impfskepsis zurück, sondern „viele Menschen vergessen einfach aufs Auffrischen oder finden keine Zeit, extra deswegen zum Arzt zu gehen.“

Die gute Nachricht: In solchen Fällen muss nicht das gesamte Impfschema wiederholt werden. Vorausgesetzt, es besteht keine Immunschwäche. „Das immunologische Gedächtnis ist viel besser, als wir glauben. Eine Auffrischung genügt, um wieder den vollen Schutz zu erzielen – selbst wenn die letzte FSME-Impfung 15 Jahre zurückliegt“, sagt Florian Thalhammer, Facharzt für Infektionen an der Med-Uni Wien.

Keine Panik vor Riesenzecke

236 Zecken pro 100 Quadratmeter Wald- und Wiesenareal soll es laut Forschern der Vetmed-Uni Wien heuer in Österreich geben. „Wir erwarten ein moderates Zeckenjahr“, sagt Franz Rubel vom Institut für Öffentliches Veterinärwesen. 2018 waren es mit 422 Tieren pro 100 Quadratmeter fast doppelt so viele.

Wissenschafter sind sich einig, dass extreme Zeckenjahre durch den Klimawandel häufiger werden. „Durch die Erderwärmung siedeln sich auch immer mehr Zeckenarten bei uns an, die bislang nur im Mittelmeerraum oder in Nordafrika heimisch waren“, ergänzt Georg Duscher, Parasitologe von der Vetmed-Uni Wien. Über Zugvögel werden sie eingeschleppt, im Vorjahr tauchte erstmals in Österreich und Deutschland die tropische Riesenzecke auf, die als Überträgerin des Krim-Kongo-Fiebers gilt. Grund zur Panik bestehe aber nicht: „Es ist extrem selten, dass die Tiere den Erreger in sich tragen“, relativiert Duscher.

Wer von einer Zecke gestochen wurde, sollte sie rasch mit einer Spezialpinzette(Apotheke) entfernen. Von einer Behandlung mit Kleber oder Öl rät Gerhard Kobinger von der Österreichischen Apothekerkammer ab: „Die Zecke bekommt Erstickungsanfälle und speit ihren Mageninhalt in die menschlichen Blutgefäße.“ Die Folge: das Borreliose-Risiko steigt an. (Günther Brandstetter, 23.3.2019)

Fast jede zweite Zecke in Österreich ist mit Krankheitserregern infiziert…

Medizinische Universität Wien

(Wien, 22-05-2017) Zecken sind Träger einer großen Anzahl von Krankheitserregern, die beim Menschen zum Teil schwere Erkrankungen auslösen können. In einer aktuellen Studie von Anna-Margarita Schötta vom Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie und Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien wurden nun die unterschiedlichen Pathogene der Zecken österreichweit erstmals erhoben. Das zentrale Ergebnis: Rund 30 Prozent aller Zecken in Österreich sind mit Borrelien infiziert – und damit mehr als bisher vermutet –, rund 16 Prozent mit Rickettsien und vier Prozent mit dem Bakterium „Candidatus Neoehrlichia mikurensis“.  Insgesamt wurden 554 Zecken von Wien bis Vorarlberg analysiert. 


Lyme-Borreliose ist eine der weltweit häufigsten Zecken-Infektionskrankheiten. In Österreich gibt es rund 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Die Borrelien werden beim Stich (umgangssprachlich Biss) durch die Zecke auf den Menschen übertragen. Wirksame Behandlungen mit Antibiotika greifen am besten möglichst frühzeitig nach Ausbruch der Erkrankung. Wird die bakterielle Infektion nicht rechtzeitig erkannt, kann sie zu schweren Erkrankungen wie Gelenksentzündungen, schmerzhaften Infektionen der Nervenwurzeln, Gehirnhautentzündung und Lähmungen führen. 

Bundesländer: Zecken in Vorarlberg am häufigsten mit Borrelien infiziert

Das Resultat der Studie zeigt, dass Zecken in Vorarlberg – es wurden jeweils zwei bis fünf Orte im Bundesland getestet – am häufigsten mit Borrelien infiziert sind (33,9 %), gefolgt von Oberösterreich (28,3) und Tirol (27,9). Am niedrigsten ist das Risiko in Niederösterreich, hier ist nur etwa jede fünfte Zecke ein möglicher Überträger. Rickettsien (Bakterien, die u.a. Fleckfieber auslösen können) waren vorwiegend in Zecken im Raum Wien nachzuweisen, etwa jede zweite Zecke ist hier damit infiziert, dahinter liegen Kärnten (23,8) und NÖ (18,8). Auch bei Candidatus Neoehrlichia mikurensis (Auslöser der Infektionserkrankung Neoehrlichiose) waren die Zecken in Wien und Tirol mit knapp über 8 Prozent am häufigsten betroffen. 

Borreliose: Zur Untersuchung mit der Zecke kommen! 

Wichtig ist die Früherkennung der Infektion: Daher bitten die ImmunologInnen des Instituts für Hygiene der MedUni Wien, sobald wie möglich nach einem Zeckenstich zur Untersuchung ans Institut zu kommen, um – wenn wirklich eine Infektion vorliegt – sofort die bestmögliche Behandlung zu starten. Den „gemeinen Holzbock“, wie die Zecke auch genannt wird, soll man auf jeden Fall mitbringen, um diesen auf die unterschiedlichsten Krankheitserreger untersuchen zu können. 

Die Zecken-Saison 2017 hat bereits begonnen: Betroffen sind vor allem Wanderer und Spaziergeher im Wald, aber auch alle anderen Menschen, die der Frühling ins Freie lockt. Hat sich ein Tierchen festgesaugt, soll man die Zecke mit einer Pinzette so nah wie möglich an der Haut fassen und unter gleichmäßigem Zug herausziehen. Die Zecke soll in einem kleinen gut verschlossenen Behältnis bis zum baldigen Ambulanz-Besuch aufbewahrt werden.  Falls sich die Zecke nicht so leicht entfernen lässt besteht kein Grund zur Panik, sagen die ExpertInnen, und schon gar kein Grund, eine Notfall-Ambulanz aufzusuchen. Am nächsten Tag kann die Zecke in der Zecken-Ambulanz entfernt werden.  (www.meduniwien.ac.at/hai Button rechts: „Zeckenstich-Studie TeilnehmerInnen gesucht!“).

„Nicht jeder Zeckenstich muss zu einer Erkrankung führen und nicht jeder positive Borrelien-Test bedeutet eine Erkrankung. Das ist das Tückische“, sagt Gerold Stanek, einer der Pioniere der Borrelienforschung in Wien. Die MedUni Wien-ForscherInnen sind aktuell an der Entwicklung eines Früherkennungstests im Rahmen des EU-Projekts „ID-Lyme“ beteiligt, der es möglich machen wird, früher als bisher eine aktuelle Infektion erkennen zu können und gleichzeitig verhindern wird, dass gesunde Personen mit Borrelien-Antikörpern im Blut unnötig mit Antibiotika behandelt werden. 

FSME-Impfung schützt nicht vor Borreliose

Übrigens: „Ein aufrechter Impfschutz gegen FSME schützt nicht vor Borreliose“, betont Hannes Stockinger, Leiter des Instituts für Hygiene und Angewandte Immunologie sowie des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien und klärt damit einen vielfach verbreiteten Irrtum auf. Gegen Borreliose gibt es noch keine Impfung. 

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