Dies & Das: Für Junge platzt der Traum von der Mittelschicht immer öfter

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Andras Szigetvari, 11. April 2019

Die Mittelschicht gerät global zunehmend unter Druck, sagt die OECD in einer großangelegten Studie. Österreich steht vergleichsweise noch ganz gut da

Politische Umwälzungen

Die politischen Umwälzungen der vergangenen Jahre hatten in den Industrieländern unterschiedliche Auswirkungen. In den USA hat Donald Trump das Präsidentenamt erobert. In Großbritannien hat eine Mehrheit für den Austritt aus der EU gestimmt, in Frankreich erschütterten die Proteste der Gelbwesten den Staat.

Eines haben diese Entwicklungen gemeinsam: Oft werden sie damit erklärt, dass die Mittelschicht ökonomisch unter Druck geraten ist. Globalisierung, die Auslagerung von Arbeitsplätzen und zunehmende Abstiegsängste nehmen besonders in der Mitte zu, so der Tenor vieler politischer Analysen. Die Folge davon ist, dass die Zustimmung zu politischen Extrempositionen, besonders rechts der Mitte, gestiegen ist.

foto: getty
Die Mittelschicht gerät laut OECD immer mehr unter Druck.

Aber wie viel ist dran an diesen Thesen? Die Industriestaatenorganisation OECD hat sich in einem am Mittwochabend publizierten Bericht erstmals umfassend der Frage gewidmet, wie es der Mittelschicht in den vergleichsweise wohlhabenden Ländern geht. Unter dem Titel „Under Pressure: The Squeezed Middle Class“ analysieren und vergleichen OECD-Ökonomen den Zustand der Mittelschicht in den 36 OECD-Ländern.

Moderater Rückgang, aber …

Eine der zentralen Erkenntnisse lautet: Ja, die Mittelschicht ist geschrumpft, aber über alle Industrieländer hinweg betrachtet war die Entwicklung zumindest nicht so dramatisch wie angenommen. So gehörten in den 1980er-Jahren 64 Prozent der Bevölkerung über alle OECD-Länder hinweg zur Mittelschicht. Heute sind es aber immerhin noch 61 Prozent.

Für die Studienautoren zählen all jene Haushalte zur Mittelschicht, deren verfügbares Nettoeinkommen (Lohn, Pensionen, Sozialtransfers inklusive) zwischen 70 und 200 Prozent des Medianeinkommens in einem Land liegt. Median bedeutet, die Hälfte verdient mehr, die Hälfte weniger. Die Bandbreite ist also groß.

… eine abgehängte Jugend

Allerdings gibt es für die OECD-Ökonomen auch eine ganze Reihe besorgniserregender Befunde. Zunächst altert die Mittelschicht. Für jüngere Generationen wird es seit Jahren immer und immer schwieriger, zur gesellschaftlichen Mitte aufzuschließen.

Eines von vielen Beispielen dafür: 70 Prozent der Baby-Boomer-Generation gehörten als 20-Jährige der Mittelklasse an. Unter den Millennials waren es nur noch 20 Prozent. Zur Baby-Boomer-Generation gehören Menschen, die zwischen 1943 und 1964 geboren wurden. Zu den Millennials zählen die Jahrgänge 1983 bis 2002.

Die Gründe dafür sind vielfältig. So treten die jungen Menschen zunehmend später in den Arbeitsmarkt ein, sagt Sebastian Königs, einer der Autoren der Studie. Dafür kann also auch eine längere Ausbildung mitverantwortlich sein, was also positiv wäre.

Dazu kommt laut Königs aber, dass junge Menschen immer öfter bloß „in Beschäftigungsverhältnisse mit geringerer Qualität“ kommen. Die Jobs sind schlechter bezahlt und oft befristet. Und: Junge Erwachsene hat die Wirtschaftskrise auch stärker getroffen als Ältere.

Hinzu kommt als weiteres problematisches Phänomen, dass der Wohlstand der Mittelschicht stagniert und in vielen Ländern sogar rückläufig ist. Über die vergangenen zehn Jahre stagnierte das Medianeinkommen in 21 von 36 OECD-Ländern oder ging sogar zurück. Im Schnitt lag das Wachstum der Einkommen inflationsbereinigt bei nur 0,3 Prozent pro Jahr seit 2008. Besonders drastisch gefallen sind die mittleren Einkommen in den Euroländern Spanien, Italien, Griechenland und Slowenien, aber auch in Japan und Mexiko waren sie sehr rückläufig.

Große Mittelschicht in Österreich

Im Vergleich dazu sind die heimischen Zahlen laut OECD ganz gut: In Österreich gehören 67 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht, im OECD-Schnitt sind es rund 60 Prozent. In den USA, Chile und Mexiko dagegen zählt gerade einmal jeder zweite Haushalt zur Mittelschicht. Ein relativ geringer Anteil der Haushalte in der österreichischen Mittelschicht hat Probleme, mit dem Einkommen über die Runden zu kommen.

Global betrachtet macht die OECD auf noch ein Phänomen aufmerksam: Die Mittelschicht verliert an politischer Bedeutung. Die Ökonomen der OECD machen das an einer Kennzahl fest: In den 1980er-Jahren entfiel auf die Mittelschicht ein Gesamteinkommen, das viermal so hoch war wie das Einkommen in der Gruppe der Topverdiener. Heute dagegen ist das Einkommen der Mittelschicht im OECD-Schnitt nur noch 2,8-mal höher. Ein deutlich größerer Anteil entfällt auf die Reichen. In den USA hat sich der Anteil der Einkommen von dem reichsten Prozent der Bevölkerung seit den 1980er-Jahren nahezu verdoppelt, von elf auf etwa 20 Prozent.

Steuern auf Vermögen und Spitzenverdiener

Um gegenzusteuern und auch jungen Menschen den Aufstieg zu erleichtern, empfiehlt die OECD, die Steuern auf Arbeit zu senken und dafür Vermögen, Kapitaleinkommen und Erbschaften stärker zu belasten. Geraten wird auch zur Abschaffung der kalten Progression, also der schleichenden Steuererhöhungen. Diese trifft die Mittelschicht besonders hart, so die OECD. Und: Die Spitzensteuersätze für Topverdiener sollten steigen. Dagegen sollten Investitionen in den Wohnbau forciert werden, um Wohnraum billiger zu machen. (András Szigetvari, 11.4.2019)

Mittelschicht-Grafik

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