Dies & Das: Nette Leute, die Österreicher

BARBARA COUDENHOVE-KALERGI Erfahrungen aus zehn Jahren Deutschunterricht für Asylwerber

KOLUMNE Barbara Coudenhove-Kalergi 

11. Juli 2019 – 1.124 Postings

Ein kleines privates Jubiläum: zehn Jahre Deutschunterricht für Asylwerber, vorwiegend junge muslimische Männer. Welche Bilanz ziehe ich daraus? Die erste Erfahrung, die mir in den Sinn kommt: Es gab in all den Jahren kein einziges negatives Erlebnis. Aber jede Menge Lernprozesse in Sachen Zusammenstoß der Kulturen. Hier eine kleine Auswahl.

Wir üben den Dativ. Es gefällt mir, dir, ihm, ihr. Was gefällt euch an Österreich, was nicht? Antwort: Uns gefallen die Menschen. Ich denke an die vielen ausländerfeindlichen Vorfälle der letzten Jahre und wundere mich. Wirklich? Seid ihr sicher? Ja, sagen die Teilnehmer. Man habe schon auch üble Erfahrungen gemacht, aber im Allgemeinen: nette Leute, die Österreicher.

Interessiert, lernbegierig, höflich

Eine neue Lerngruppe ist da, in der Mehrheit Tschetschenen. Wilde Krieger, etliche waren schon im Gefängnis. Mir ist ein bisschen mulmig zumute, aber bald zeigt sich: Diese Männer sind allesamt interessiert, lernbegierig, höflich, hilfsbereit, auch charmant. Irgendwann fasse ich mir ein Herz und frage: Was ist los mit euch, ich dachte, ihr lasst euch von einer Frau nicht gern etwas sagen? Antwort: Bei uns hat man Respekt vor dem Alter. Aha. Wenigstens einmal im Leben, denke ich, ist alt sein ein Vorteil. Und es fällt mir ein, wenn mir in der Straßenbahn jemand einen Platz anbietet, ist es meistens ein Ausländer.

In Deutschkursen für Asylwerber treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander.
Foto: standard/corn http://www.corn.at

Monday, ein blutjunger Nigerianer mit blondgefärbten Rastalocken, fragt: Was soll ich mit einer einzigen Frau? Wie viele brauchst du denn, frage ich. Antwort: Mindestens vier. Vier Frauen darf man als Moslem haben, wenn man eine fünfte heiraten will, muss man sich von einer scheiden lassen. Du bist so ein lieber, fescher Kerl, sage ich, durchaus wahrheitsgemäß. Ich glaube, du wirst eine Frau finden, die dich liebt und nur dich, egal, ob du Geld hast oder nicht. Und Monday meint, plötzlich verträumt und voller Sehnsucht: Ja, das wäre natürlich das Allerschönste.

Das Dorf ist die Familie

Wir reden über Familie. Ein junger Mann aus dem Sudan sagt: Für euch heißt Familie Vater, Mutter, Kinder. Aber bei uns ist das ganze Dorf Familie. Meine Kindheit war wunderschön. Wir waren in allen Häusern zu Hause. Mein Onkel hat zweiundzwanzig Frauen, und zwischen seinen eigenen Kindern und den Nachbarskindern konnte er gar keinen Unterschied erkennen. Alle waren seine Kinder. Schlecht? Gut? Auf jeden Fall: anders.

Aram, damals siebzehn Jahre alt, kam aus Armenien. Er hatte die Reise allein unternommen, unterwegs unzählige Abenteuer bestanden. In der Schule war er nur ein paar Jahre. Aber im Deutschkurs merken wir schnell: Dieser Junge ist ein kleines Genie. Er merkt sich alles, spielt mit der Sprache, erkennt Strukturen, vergleicht verschiedene Sprachen miteinander, die er unterwegs aufgeschnappt hat. Wir Lehrer sind uns einig: Aram würde in ein Sonderprogramm für Hochbegabte gehören. Wenn es ein solches gäbe. Mit etwas Förderung hätte er eine große Zukunft vor sich.

Im nächsten Semester unterrichte ich eine andere Gruppe. Und irgendwann höre ich: Aram ist abgeschoben worden. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 11.7.2019)

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