Dies & Das: Sarah Spiekermann-Hoff: „Spricht hier jemand mit Gewicht?“

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Sarah Spiekermann-Hoff: „Spricht hier jemand mit Gewicht?“

Die Expertin für digitale Ethik empfiehlt, das Internet nach Qualitätskriterien neu zu ordnen.

INTERVIEW Petra Stuiber 

27. August 2019

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Ergebnisse einer Umfrage zur Schwierigkeit bei der Unterscheidung von korrekten und manipulierten Nachrichten.
Foto: Bertelsmann Stiftung/Marion Custred/Grafik: Standard

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, lautet ein berühmtes Zitat von Ingeborg Bachmann. Es hat fraglos bis heute Gültigkeit. Was aber tun, wenn dieWahrheit als solche gar nicht mehr anerkannt wird, weil Menschen in verschiedenen Realitäten leben und all diese Realitäten in der digitalisierten Welt im Widerspruch zueinander stehen?

Um diese Fragen drehte sich der 18. Trilog in Salzburg unter dem Titel „Zersplitterte Realitäten – wie wir wieder zu einem gemeinsamen Verständnis von Wahrheit kommen“. Hochkarätige Experten aus Wirtschaft, Politik und Kultur debattierten am vergangenen Samstag im Mozarteum in Salzburg darüber. Altkanzler Wolfgang Schüssel, der den „Trilog“ einst initiiert hatte, moderierte. Die Bertelsmann-Stiftung unterstützt das Projekt – was sogar Bertelsmann-Erbin Liz Mohn nach Salzburg brachte. Nicht nur sie: Auch die künftige EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen lauschte den Debattenbeiträgen, ebenso Österreichs Kanzlerin Brigitte Bierlein, die ehemalige EU-Kommissarin Viviane Reding sowie Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. Einen prominenten Platz nahmen in den Gesprächen „die“ Medien ein: Versagen sie bei der Entlarvung von Verschwörungstheorien, die im Netz kursieren? Hat die vierte Macht im Staat ihre Kraft verloren?

Einer im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung getätigten aktuellen Umfrage zufolge sieht die Mehrheit der Befragten große Schwierigkeiten „für die Menschen“, korrekte und manipulierte Nachrichten auseinanderzuhalten (siehe Grafik). Für sich selbst sehen die Menschen dieses Problem nicht gar so stark – was einige Diskutanten noch mehr beunruhigte.

Einen der meistbeachteten Beiträge lieferte Sarah Spiekermann-Hoff, Expertin für digitale Ethik und Leiterin des Instituts für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an der WU Wien. DER STANDARD, für den sie auch von Zeit zu Zeit einen Expertinnen-Blog schreibt, sprach mit ihr über Wahrheit versus Wissen, Fake-News oder Fake-Science sowie die Frage, was Intelligenz ist.

STANDARD: Sie plädieren dafür, die „Freedom of Reach“ von Informationen zu verändern, also die Tatsache, dass alles, was im Internet trendet, hoch gehängt und dadurch leicht verfügbar wird. Was genau meinen Sie damit?

Spiekermann-Hoff: Es gibt einen großen Bereich in der Forschung, der sich damit befasst, Online-Texte besser zu verstehen. Wir haben heute Methoden, um zu erkennen, wie viele Großbuchstaben, Ausrufungszeichen, Emojis es in Texten gibt, welche Syntax und Semantik Menschen benutzen. Man könnte diese Methoden einsetzen, kombiniert mit der Frage: „Wer spricht hier eigentlich?“ Spricht hier jemand mit Gewicht, jemand, der sich profiliert hat, jemand Bekannter? Und je nachdem, wie wertvoll das ist, was jemand zu sagen hat, sollte das von ihm oder ihr Gesagte besser verteilt werden im Netz. Heute herrscht das Prinzip: Wer am meisten geklickt wird, kommt in den Suchmaschinen ganz nach oben. Das befeuert Sensationslust und die Lust an der Provokation und der Grenzüberschreitung.

STANDARD: Könnte man so Trollfabriken zu Leibe rücken?

Spiekermann-Hoff: Das ist genau der Punkt. Im klassischen Journalismus war es ja bisher so, dass ein zumeist gebildeter, oft geisteswissenschaftlich studierter Journalist eine Anstellung bei einer Zeitung bekommen hat. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch ein Troll ist, relativ gering. Weil er schon durch die Tatsache, dass er eine Anstellung bei einem guten Medium bekommen hat, ausgezeichnet wurde. Daher sollte seine Reichweite höher sein als die eines beliebigen Pseudonyms, etwa „kratzbürste8“, die vor allem dadurch auffällt, dass sie dauernd Schimpfwörter benutzt oder negative Emotionen verarbeitet. Ich sage nicht, dass „kratzbürste8“ nicht ihre Meinung sagen können darf. Das darf nicht weggefiltert werden. Aber die Verbreitung von „kratzbürste8“ sollte eine andere sein als jene einer ausgezeichneten Person.

STANDARD: Es geht Ihnen darum, das Internet nach Qualitätskriterien zu ordnen?

Spiekermann-Hoff: Es muss sehr transparent entschieden werden, wer welchen Reach bekommt. Man darf so etwas nicht einfach mit Algorithmen erledigen, ohne Transparenz. Wer welche Reichweite bekommt, das muss man auch im Diskurs auf Medienplattformen entwickeln und entscheiden. Es geht um die Frage: Was macht für euch User eine gute Plattform aus, und wie könnte man sie entwickeln? Das muss man publik machen, umsetzen und aushalten, dass es dann Kritik von „kratzbürste8“ gibt.

STANDARD: Sie sagen, AI, Artificial Intelligence, sei ein guter Marketing-Ausdruck, gleichwohl aber irreführend. Wie meinen Sie das?

Spiekermann-Hoff: Es ist ein Missbrauch des Wortes Intelligenz. Wenn wir Menschen Intelligenz zuschreiben, denken wir nicht nur an mathematische oder sprachliche Fähigkeiten, sondern auch an emotionale Intelligenz. Wir denken an die Weisheit einer Person, die sich aus einer abgewogenen Haltung speist. Ein Mensch, der mit Paradoxien umgehen oder in Metaphern sprechen kann – das konstituiert für uns Intelligenz. Maschinen haben alle diese Aspekte von Intelligenz nicht. Sie basieren auf Daten-Input, diese werden dann in komplexen Verfahren vernetzt, sie können Details erkennen und Ähnliches. Aber das ist eine ganz andere Form von Intelligenz, keine menschliche. Daher ist „künstliche Intelligenz“ irreführend.

STANDARD: Warum halten Sie das für gefährlich?

Spiekermann-Hoff: Weil Menschen dann glauben könnten, Maschinen könnten viel intelligenter sein als sie – das paart sich dann mit Science-Fiction. Einige Leute bekommen dann Angst, wo sie gar nicht gerechtfertigt ist, bei anderen kreiert es einen Überglauben an das Können von Maschinen. In 21 US-Bundesstaaten beurteilen AI-Programme die Aufsätze von Maturanten, die sich für einen guten Studienplatz bewerben. Dabei passiert genau das, was man von einem Computer erwarten kann. Sie zählen, wie viele Fremdworte in einem Aufsatz vorkommen. Das ergibt einen hohen Score, ganz egal, wie unsinnig der Text ist. Ist der Bewerber clever, kann er diese Maschinen austricksen, indem er einfach mehr Fremdworte als der Durchschnitt in seinen Text einstreut. Jeder gebildete Mensch dagegen würde beim Lesen des Textes beurteilen können, ob er gut oder schlecht ist. Können also Maschinen die Güte eines Textes beurteilen? Eben nur bedingt, es braucht auch andere Faktoren – zum Beispiel die Credentials des Autors.

STANDARD: Krude politische Thesen wie etwa jene von AfD-Gründer Alexander Gauland oder auch Thilo Sarrazin können Sie dadurch aber nicht im Netz verstecken. Diese beiden etwa haben reputierliche Lebensläufe, ihre Äußerungen würden auch weiterhin hoch gereiht.

Spiekermann-Hoff: Das halte ich auch für wichtig. Egal, ob ich mit den Thesen eines Herrn Sarrazin übereinstimme oder nicht: Sie sind für den demokratischen Diskurs wichtig. Sarrazins andere Auffassung müssen wir aushalten. Ebenso jene der AfD, deren Auftreten im Bundestag ich furchtbar finde. Trotzdem: Die Demokratie lebt davon, dass sie diskursfähig bleibt. Sonst sind wir nicht mehr demokratiefähig. (Petra Stuiber, 27.8.2019)

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