Dies & Das: Die Kopftuchkränkung und ihre fatalen Folgen

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KOMMENTAR DER ANDEREN 

PAUL M. ZULEHNER

16. Jänner 2020

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Die Kopftuchkränkung und ihre fatalen Folgen

Die Politik einer Integration per Rechtsdiktat nimmt in Kauf, Teile der österreichischen Bevölkerung nachhaltig zu desintegrieren

Im Gastkommentar argumentiert Pastoraltheologe und Werteforscher Paul M. Zulehner, es brauche es kein Kopftuchverbot, damit muslimische Mädchen Werte und Geschlechterrollen der alteingesessenen Schulkolleginnen übernehmen, sondern Diskurs.

Von Türkis-Blau geplant, soll das Kopftuchverbot bis 14 sowie eine Dokumentationsstelle für politischen Islam nun unter Türkis-Grün umgesetzt werden.
Foto: Heribert Corn http://www.corn.at

Der französische Politologe Dominique Moïsi (Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen, 2009) nennt die „Demütigung“ der arabischen Welt als den Hauptgrund für den Terror, der als „dritter Weltkrieg auf Raten“ (Papst Franziskus) die Weltgemeinschaft in Atem hält. Es handelt sich dabei um eine kollektive Kränkung. Nach dem in der Frage der Kränkung führenden Psychotherapeuten Reinhard Haller besteht das Wesen einer Kränkung in der „anhaltenden Erschütterung des Selbst und seiner Werte“ (Die Macht der Kränkung, 2015).

Die österreichische Migrationspolitik verursacht derzeit bei Österreicherinnen und Österreichern islamischen Glaubens eine Art subtiler kollektiver Kränkung. Dieser die Integration letztlich verhindernde Wolf kommt just im Schafspelz der „Integration“ daher. Dazu werden unbedacht oder mutwillig Begriffe umgedeutet.

Eigene Wahl

So das Wort Integration: Sie zielt nach dem lateinischen Wort auf Eingliederung und nicht auf Anpassung. Österreicherinnen und Österreicher muslimischen Glaubens, die durch Flucht nach Österreich kamen und die durch Asylrecht zu Bürgerinnen und Bürgern des Landes mit vollen Rechten wurden, werden genötigt, sich hinsichtlich kultureller und religiöser Werte zu unterwerfen. Integration, die vom Reichtum der Vielfalt lebt, wird so zur Anpassung an eine der Wertekonzeptionen im pluralistischen Land. Dies geschieht in manchen Belangen zu Recht. Niemand will, dass der bei uns entwertete Begriff der „Ehre“ durch Mord wiederhergestellt wird. Aber gehört zur Integration im Sinn von Eingliederung wirklich auch die gewiss sinnvolle Aufgabe der Förderung einer modernen Geschlechterrolle? Ich mache seit Jahren Geschlechterforschung und weiß, dass bei uns eine Vielfalt von Rollentypen nebeneinanderstehen. Die traditionelle Männerrolle ist überdurchschnittlich stark bei Sympathisantinnen der FPÖ und der ÖVP anzutreffen. Kämpferinnen für eine moderne Frauenpolitik hatten es in den letzten Jahrzehnten in beiden Parteien nicht gerade leicht.

Mit dem Ablegen des Kopftuchs würde, so das Argument der Verbieter, die Förderung von muslimischen Mädchen zu modernen Frauen gefördert. Wird es das wirklich? In meiner Repräsentativstudie über Muslimas und Muslime im Migrationsstress (2014) zeigt sich ein anderer Weg, dass und wie sich muslimische Mädchen entwickeln, und das ohne jegliches Kopftuchverbot. Sie leben in Kindergärten und Schulen mit unseren alteinheimischen Mädchen zusammen und erleben dort neue Geschlechterrollen. Die Muslimas der zweiten Generation haben in meiner Studie bereits dieselben Verteilungen bei den vielfältigen Geschlechterrollen wie die alteingesessenen Mädchen – und auch den gleichen niedrigen Kinderwunsch. Das geschieht völlig gewaltfrei, im Abschauen und in einem guten Diskurs (!). Die mit Petra Steinmair-Pösel verfasste Geschlechterstudie Gleichstellung in der Sackgasse? (2013) zeigt im Übrigen auch, dass unsere nachwachsende Frauengeneration „modern“ ganz anders versteht. Sie misstraut jeglichem Diktat, auch dem feministischen, und steht für „Choice“, die eigene freie Wahl. Genau diese wirkliche Modernisierung aber ermöglicht das staatsabsolutistische Verbot des Kopftuchs nicht.

Subtile Ausweisung

Diese Form durchaus notwendiger Integrationspolitik wird dadurch fatal, dass sie als auferlegtes Rechtsdiktat demütigt und kränkt. Dabei ist es nicht die einzige Kränkung, die derzeit den Österreicherinnen mit islamischem Glauben zugefügt wird. Ihre Glaubensgemeinschaften und Einrichtungen werden wie Reichsbürger und Identitäre unter Beobachtung gestellt. Zudem wird die große Weltreligion des Islam subtil permanent zu einer Gefahr für unser Land umgedeutet. Die unausgesprochene Botschaft ist: Wir wollen euch im Grunde nicht im Land haben. Wir nähern uns Viktor Orbán an. Mehr Dauerkränkung geht fast nicht.

Geschmückt wird diese Integrationspolitik der subtilen Ausweisung mit dem Unwort der derzeitigen Religionspolitik: dem Kampf gegen den „politischen Islam“. Das ist ein weiteres Beispiel des Missbrauchs der Sprache durch die Politik. Natürlich leiden alle Religionen darunter, dass sie von gewaltgeneigten Männern für Gewalt, Krieg und Terror missbraucht werden. Alle Religionen wohlgemerkt. Auch der christliche evangelikale Fundamentalismus (warum wird dieser nicht beobachtet?). Zudem ist jede Religion, die an der menschlicheren Gestaltung des Gemeinwohls interessiert ist, zwar keine politische Partei, sie ist aber immer politisch.

Politischer Papst

Der auch in Wien lehrende jüngst verstorbene große Theologe Johann B. Metz hat dazu eine sogenannte „Politische Theologie“ entworfen. Auch Papst Franziskus ist natürlich politisch. Auch der Islam: Wenn er seine Menschenfreundlichkeit praktizieren will – und er kann und darf nicht anders –, dann muss er politisch sein.

Die Kopftuchkränkung zeitigt eine fatale religionspolitische Nebenwirkung. Trotz legaler Anerkennung wird der islamischen Religionsgemeinschaft untergründig „Illegalität“ unterstellt. Es werden zudem Vorschriften nur für eine der anerkannten Religionsgemeinschaften erlassen. Auch dadurch wird im Namen der Integrationsbemühungen das vorzügliche österreichische Religionsrecht schrittweise ausgehöhlt. Das wird und kann vor dem Verfassungsgericht nicht halten, soll Österreichs Rechtswesen in guter Verfassung bleiben.

Verunglückte Integrationspolitik

Die durch anhaltende Kränkung namens Migrations- und Integrationspolitik verletzte islamische Gemeinschaft wird so nicht integriert werden. Das Gegenteil wird geschehen. Der legistisch inszenierte Zwang wird die hymnischen Wertereden der Demokraten über Toleranz, Religionsfreiheit und offenen gesellschaftlichen Diskurs bei Österreicherinnen und Österreichern islamischen Glaubens zunehmend unglaubwürdig machen. Muslime (!) in der zweiten Generation schätzen laut meiner Studie wohl aus solchen Gründen die demokratischen Werte weniger, als wünschenswert wäre. Offenbar gelingt es unserer Gesellschaft, im Namen der derzeitigen verunglückten Integrationspolitik, Teile der österreichischen (!) Bevölkerung nachhaltig zu desintegrieren. Das Gegenteil wird erreicht: Integrationspolitik dieser Art wird gegen ihre eigenen Absichtserklärungen radikalisieren. Aber noch ist es nicht zu spät für einen respektvollen politischen Diskurs mit allen Betroffenen. (Paul M. Zulehner, 16.1.2020)

Paul M. Zulehner ist Pastoraltheologe und Werteforscher.

Leserstimmen zur Kopftuch- und Bildungsdebatte

Die einen wollen Mädchen und Frauen zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Die anderen wollen Mädchen und Frauen zwingen, kein Kopftuch zu tragen.

Rudolf Danninger, Gutau

Die Ausweitung des Kopftuchverbots kratzt wieder einmal populistisch an der Oberfläche. Das dahinter liegende Problem ist jedoch, dass die meisten von uns ungefragt in eine Religion hineingeboren werden. Es ist doppelbödig, dass eine Partei zehnjährigen Kindern zwar zumutet, einen passenden Schultyp auszuwählen (die Gesamtschule wird von der ÖVP vehement abgelehnt), ihnen aber gleichzeitig nicht zutraut, über das Tragen eines Kleidungsstücks zu entscheiden. Und wie geht man mit Kippa, Turban und dem Halsketterl mit Kreuz um? Ministerin Raab denkt schon laut über ein Verbot für Lehrerinnen nach. Da werden sich die Klosterschwestern in den katholischen Privatschulen aber schön bedanken!
Heinz Högelsberger, Wien

Von der türkisen ÖVP ist in der Schul- und Bildungspolitik nichts anderes zu erwarten: Testeritis ab dem sechsten Lebensjahr; Wiedereinführung der verpflichtenden Ziffernnoten ab dem Halbjahr der zweiten Schulstufe; Sitzenbleiben ab der zweiten Volksschulklasse; separate Deutschklassen; Trennung der Kinder mit dem zehnten Lebensjahr; Kopftuchverbot bis 14 und anderes mehr. Und dazu ein Bildungsminister wie aus einer verstaubten Mottenkiste.
Dass es dafür eine Zustimmung der Grünen geben kann, war für mich bis jetzt nicht vorstellbar. Eine zeitgemäße und kindgerechte Schule hat für die Grünen offensichtlich keine Priorität – eine herbe Erkenntnis und Enttäuschung.
Der grüne Beitrag zur künftigen Bildungspolitik beschränkt sich offensichtlich auf das Jausenbrot. Die visionslose Dürftigkeit im Bildungskapitel des Koalitionsabkommens ist deprimierend, formuliert es Karl Heinz Gruber, Altordinarius für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien, im Gastkommentar. OECD-Empfehlungen, Pisa-Ergebnisse und bildungswissenschaftliche Fakten werden weiterhin schamlos ignoriert. Es ist Zeit, dass aufgeschlossene Eltern und Lehrerinnen, Bildungsbürger und Bildungsinteressierte im Interesse unserer Kinder Widerstand leisten.
Carmen Würschl, Montessori-Pädagogin, Klagenfurt

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