Dies & Das: Warum Australien in Flammen steht

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RAMESH THAKUR

15. Jänner 2020

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Warum Australien in Flammen steht

Die Schuld an den verheerenden Buschfeuern bloß den Klimawandelleugnern in die Schuhe zu schieben ist kurzsichtig

Ja, es muss jetzt gehandelt werden, um eine Krise in einigen Jahrzehnten abzuwenden, so der Politikwissenschafter Ramesh Thakur im Gastkommentar. Er erinnert aber auch an die in Vergessenheit geratene Tradition der kontrollierten Brände.

Vom All aus zu sehen: Brandwolken über Kangaroo Island. Allein dort starben 32.000 Tiere.
Foto: EPA / Nasa Earth Observatory

Aufgrund des Rauchs der nahen Buschbrände wurde in Canberra diesen Monat die schlechteste Luftqualität der Welt gemessen, mit Werten, die 20-mal über dem offiziellen Grenzwert liegen. Die Stadt erlebte unlängst den heißesten Tag (44 Grad Celsius) seit Beginn der Aufzeichnungen. Derweil verzeichnete Delhi den kältesten Dezembertag in der Geschichte. Beides ist ein Beweis für zunehmende Klimaschwankungen und bestätigt die Realität der globalen Erwärmung.

Bei der Frage, wer oder was für die brennenden Landschaften im australischen Sommer und für den rauchgeschwärzten Himmel verantwortlich ist, haben es sich einige Kritiker – darunter die Financial Times – leichtgemacht und die Schuld den Klimawandelleugnern zugewiesen. Der australische Premierminister Scott Morrison wurde nicht nur für die schleppende Hilfe für die von den Bränden heimgesuchten Gemeinden heftig kritisiert, sondern auch, weil er einen (inzwischen abgebrochenen) Familienurlaub auf Hawaii genießen wollte.

Kontrollierte Feuer

Die Wut der Opfer der Buschfeuer – darunter eine Frau, die sich weigerte, Morrison die Hand zu geben – ist verständlich. Doch so manche allgemeine Kritik ist unangebracht und ignoriert bewusst die lange Geschichte der australischen Buschfeuer. Diejenigen, die sich beeilten, Morrisons Regierung zu verurteilen, haben die Versäumnisse der Regierungen der Bundesstaaten heruntergespielt, von denen einige der Umstellung auf erneuerbare Energien Vorrang vor umsichtigen Forstwirtschaftspraktiken gegeben haben sollen.

Darüber hinaus haben sich die Stammtischkritiker entschieden, die langen Vorlaufzeiten zwischen Treibhausgasemissionen und dem Klimawandel außer Acht zu lassen und das, was wir über die Zusammenhänge zwischen der globalen Erwärmung und bestimmten Wetterereignissen wissen, überzubewerten.

In seiner relativ kurzen Geschichte als Nationalstaat hat Australien mehrere Hitzewellen und Feuersaisonen durchgemacht, die weitaus tödlicher waren als die jetzige. Im Jänner 1896 starben 200 Menschen innerhalb dreier Wochen an den Folgen von Hitze und Bränden, und im Jänner 1939 starben 71 Menschen allein im Bundesstaat Victoria.

Die Ureinwohner leben seit Zehntausenden von Jahren mit dem rauen Klima und der rauen Landschaft des Kontinents. Entgegen früheren Mythen zeigen neuere Forschungen über die ausgeklügelten Land- und Buschnutzungspraktiken dieser Gesellschaften, dass Feuer eine wichtige Rolle bei der Regeneration der Wälder spielt.

Ignorierte Warnungen

So warnt die in Queensland lebende Brandforscherin Christine Finlay schon seit langem davor, dass eine geringere Verbrennung der Brandlast (das trockene Holz, das sich als Brennmaterial auf der Fläche ansammelt) im Winter die Häufigkeit von Feuerstürmen im Sommer erhöhen kann. Finlay, die die Geschichte der Buschbrände von 1881 bis 1981 für ihre Doktorarbeit untersucht hat, zeigt, dass bei Maßnahmen zur Reduzierung von Buschbränden seit 1919 eine Abkehr von traditionellen indigenen Praktiken stattgefunden hat, wie etwa das kontrollierte Anzünden von Feuern mit geringer Intensität bei kühler Witterung. Und ihren Daten zufolge besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der erhöhten Häufigkeit und Größe der Brände seit 1919 und der verhängnisvollen Ansammlung der Brandlast.

Kontrollierte Feuer – die großflächig und unter günstigen Wind- und Temperaturbedingungen entzündet werden – sind kostengünstig und sehr effektiv bei der Verringerung der Häufigkeit von Buschbränden und der Wahrscheinlichkeit ihrer unkontrollierten Ausbreitung. Und anders als einschneidende Bemühungen um eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen stellen sie keine Bedrohung für Existenzen und den Lebensstandard dar. „Seit Jahren“, so Finlay kürzlich in der Tageszeitung The Australian, „schicke ich dieses Vorhersagemodell unermüdlich an Regierungsbehörden, insbesondere an Buschfeuerwehren, an die Medien, an die Stellen für Brandursachenforschung, an parlamentarische Untersuchungsausschüsse und so weiter. Es wurde erschreckend ignoriert und hat sich als erschreckend genau erwiesen.“

Warum wurden diese Warnungen ignoriert? Man kann nur vermuten, dass der traditionelle, auf gesundem Menschenverstand beruhende Ansatz zur Bewältigung des Problems nicht so sexy ist wie öffentlichkeitswirksamer Klimaaktivismus.

Verschärfte Rahmenbedingungen

Natürlich haben Buschbrände sowohl strukturelle als auch unmittelbare Ursachen. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur Australiens ist seit den frühen 1900er-Jahren um etwa 1,5 Grad Celsius gestiegen. Auf einem heißen Kontinent, der von trockener Eukalyptuslandschaft dominiert wird, hat die menschengemachte globale Erwärmung die Rahmenbedingungen für Brände verschärft, die nun häufiger, an mehr Orten und für längere Zeiträume auftreten. Die Brandsaison 2019/2020 begann ungewöhnlich früh im November.

Aber der genaue Zusammenhang zwischen lokalen Wetterlagen und der globalen Erwärmung ist unklar, und die derzeitigen Klimabedingungen können nicht auf aktuelle Emissionen zurückgeführt werden, die ihre volle Wirkung erst in Jahrzehnten entfalten werden. Darüber hinaus findet der Weltklimarat nur wenige Hinweise auf direkte Verbindungen zwischen dem vom Menschen verursachten Klimawandel und Dürren, Buschfeuern, Überschwemmungen und Hurrikans. Selbst wenn Australien 2019 Klimaneutralität erreicht hätte, hätte es dieselbe Brandsaison durchgemacht.

Was kann man tun?

Dennoch gibt es einige Dinge, die die australischen Regierungen auf Bundes- und Landesebene tun können, um den Schaden durch die gegenwärtigen Brände zu reduzieren. Die Brandschutzbehörden sollten die unmittelbaren Ursachen einzelner Brände ermitteln, die Öffentlichkeit über die Risiken aufklären, die Brandstifter aufspüren und strafrechtlich verfolgen. Im Jahr 2019 wurden 183 Personen wegen vorsätzlicher Brandstiftung angeklagt.

Generell benötigt Australien bessere Verfahren für das Land- und Brandlast-Management und mehr Mittel für die Feuerwehren. Man hofft, dass eine Untersuchungskommission dazu beitragen wird, auszuwerten, ob die Bundesstaaten und Gemeinden in den letzten Jahren eine kontrollierte Verbrennung der Brandlast in den Nationalparks durchgeführt haben, und festzustellen, ob dies dazu beigetragen hätte, die Ausbreitung und Intensität der Brände zu verringern.

Moralische Autorität

Insofern als Klimapolitik dazu beitragen würde, die Risiken von Buschfeuern zu verringern, muss sie auf globaler Ebene umgesetzt werden. Australien ist für weniger als 1,2 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Die vier größten Emittenten sind China (27,21 Prozent), die Vereinigten Staaten (14,58 Prozent), Indien (6,82 Prozent) und Russland (4,68 Prozent). Angesichts der außergewöhnlichen Gefährdung durch Buschfeuer sollte die australische Regierung jedoch die Führung bei den Bemühungen übernehmen, weltweit verbindliche Emissionsreduktionsziele auszuhandeln.

Protest gegen Premier Morrison in Sydney.
Foto: EPA / Steven Saphore

Stattdessen hinkt Australien beim Klimawandel hinterher. Wie die Regierung des ehemaligen Premierministers Tony Abbott, die Klimawandelleugnern oft mit einem Augenzwinkern begegnete, mangelt es der Regierung Morrison an der Glaubwürdigkeit oder der moralischen Autorität, andere zu mehr Klimaschutz zu drängen. Morrison kann nicht allein für diese Brandsaison verantwortlich gemacht werden. Da er sich in Sachen Antiglobalisierung eine Scheibe von US-Präsident Donald Trump abgeschnitten hat, sollte er allerdings nicht überrascht sein, dass er nun die Kritik einstecken muss. (Ramesh Thakur, Übersetzung: Sandra Pontow, Copyright: Project Syndicate, 15.1.2020)

Ramesh Thakur ist ehemaliger beigeordneter Generalsekretär bei den Vereinten Nationen und emeritierter Professor der Crawford School of Public Policy an der Australian National University.

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