Dies & Das: Klimaaktivistin Neubauer: „Das Klima hat keine Krise, die Menschheit hat eine“

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Podcast Edition Zukunft

Interview

Philip Pramer

27. November 2020

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Klimaaktivistin Neubauer: „Das Klima hat keine Krise, die Menschheit hat eine“

Luisa Neubauer ist das Gesicht der deutschen Klimabewegung. Diese – und nicht die Politik – gebe ihr Hoffnung auf die Klimawende, sagt sie

2019 gingen Millionen für mehr Klimaschutz auf die Straße. An vorderster Front steht oft die deutsche Hauptorganisatorin Luisa Neubauer.
Foto: imago/Markus Heine

Offiziell hat die Klimabewegung Fridays for Future keine Chefin. Gäbe es eine, hieße sie Luisa Neubauer, zumindest in Deutschland. Die 24-jährige Studentin ist eine der Hauptorganisatorinnen der Klimastreiks, vertritt die Bewegung in der Öffentlichkeit und bei Treffen mit Entscheidungsträgern von Angela Merkel abwärts, an denen sie selten ein gutes Haar lässt. Im STANDARD-Podcast spricht sie über Hoffnung, persönliche Entscheidungen und darüber, warum eine neue Klimapartei keine Lösung ist.

STANDARD: Frau Neubauer, die Erde soll sich um nicht mehr als 1,5 Grad erwärmen. Jetzt sind wir bei 1,2 Grad, und die CO2-Emissionen steigen trotzdem immer weiter. Ganz ehrlich: Sehen Sie da noch Hoffnung?

Neubauer: Rein wissenschaftlich gesehen gibt es die Chance, die schlimmsten Schäden noch zu verhindern. Diese Szenarien berechnet ja der Weltklimarat immer wieder, es gibt Handlungsmöglichkeiten. So viel zur wissenschaftlichen Seite. Auf der politischen Seite ist die Situation aber mehr als irritierend, weil die Kosten des Nichthandelns und auch die Geschwindigkeit der Klimakrise so bekannt sind. Wir erleben ununterbrochen, wie es aussieht, wenn die Klimakrise eskaliert. In den Philippinen gab es gerade den 21. Taifun in diesem Jahr, Hunderttausende verlieren gerade ihre Häuser, ihre Heimaten. Da ist es komisch, dass man auf die Idee kommt, man könnte sich herausnehmen, entsprechend zu handeln. Die Hoffnung kommt nicht von den allermeisten Regierungen, sondern von den Menschen, die nicht lockerlassen und in das Verantwortungsvakuum schlüpfen, das Regierungen hinterlassen. Das ist der Moment, wo ich mir denke: Ja, das bekommen wir hin!

STANDARD: Oft wird argumentiert, dass man die Klimakrise nicht individualisieren darf, weil nur die Politik wirklich etwas verändern kann. Macht man es sich damit zu einfach?

Neubauer: Also wenn Individualisierung heißt, die Klimakrise auf eine Frage des Shoppings zu reduzieren, dann sind wir auf keinem guten Weg. Aber es stimmt, dass die Klimakrise für uns alle eine individuelle Krise ist. Wir fordern ja alle Menschen auch dazu auf, sich ganz individuell Gedanken zu machen, was die Krise für sie bedeutet und auf welcher Seite der Geschichte sie stehen wollen. Die große Veränderung im Jahr 2019 war ja nicht, dass sich Millionen Menschen entschieden haben, Vegetarierinnen und Vegetarier zu werden, sondern dass Millionen Menschen freitagmorgens aufgestanden sind und ganz persönlich für sich entschieden haben: Heute gehe ich klimastreiken. Das ist der Grund, warum wir dieses Gespräch führen, warum Regierungen Sondergipfel einberufen, warum auch in der Corona-Krise immer wieder über das Klima gesprochen wird. Weil Menschen als Einzelpersonen gesagt haben: Ich schaue da nicht zu, ich nehme mich nicht heraus, ich kann einen Unterschied machen. In diesem Sinne: Wunderbar, lasst uns über Einzelentscheidungen reden.

Dass man aber festgestellt hat, dass man die Klimakrise auch im Marketing nutzen kann, indem man Leuten erzählt, sie würden die Welt retten, wenn sie dies oder das kaufen, ist höchstproblematisch. Es sorgt letztendlich dafür, dass immer mehr Menschen verzweifelt von Supermarktregalen stehen und sich fragen, wie sie denn palmölfrei einkaufen können. Gleichzeitig werden in der EU 400 Milliarden Euro an Agrarsubventionen verteilt, die dafür sorgen, dass unsere Landwirtschaft in den nächsten Jahren gar nicht ökologisch werden kann. Es ist natürlich toll, wenn Menschen innerhalb ihrer Möglichkeiten ein ökologisches Leben führen. Aber es gibt kein nachhaltiges Leben in einer nicht-nachhaltigen Welt. Man stößt schnell auf Grenzen, es ist eine Frage von Privilegien.

Luisa Neubauer streikt oft Seite an Seite mit Greta Thunberg.
Foto: EPA/Hayoung Jeon

STANDARD: Welche Privilegien?

Neubauer: Es ist ein Privileg, gegen die Klimakrise zu kämpfen. Ich habe mich dazu entschieden, Klimaaktivistin zu werden. Ich hatte diese Wahl. Für die allermeisten Menschen ist die Frage der Klimakrise keine Entscheidung mehr, sie ist längst da. Ungefragt. Sie fegt ihre Dächer davon, flutet ihre Straßen, raubt ihnen die Ernte. Wir stellen fest, dass es in den meisten Ländern teurer ist, ökologisch einzukaufen. Und wir stellen fest, dass es keinen Verlass darauf gibt, dass Regierungen sich selbstständig in dem Maß um die Klimakrise kümmern, wie sie das mit dem Pariser Klimaabkommen zugesagt haben. Das heißt, dass auf einmal die Menschen gefordert sind, das einzufordern. Das geht aber nur, wenn man die Zeit hat, sich zu informieren, auf die Straße zu gehen, mobil und vernetzt zu sein – es sind Privilegien. Es ist eine verkorkste Situation: Wir wissen, dass die Privilegierten vermehrt Schuld an der Klimakrise tragen, gleichzeitig sind sie es, die sich entscheiden können, zu intervenieren. Es kann aber nicht die Grunderwartung sein, dass sich Kinder darum kümmern, dass Regierungen ihre eigenen Abkommen einhalten. Was ist das für eine Welt im Jahr 2020?

STANDARD: Wenn die Klimakrise so konkret und spürbar ist, warum passiert so wenig?

Neubauer: Es fängt damit an, dass wir die Klimakrise so behandeln, als wäre sie ein Problem der Atmosphäre. Oder der Wälder und der Ozeane. Dabei hat das Klima keine Krise. Die Menschheit hat eine Krise. Dass man so ein wahnsinnig schönes Abkommen wie das von Paris verabschiedet und dann meint, sich nicht daran halten zu müssen, liegt, glaube ich, einerseits daran, dass viel zu wenige Menschen und vor allem Entscheidungsträger wissen, was wir da eigentlich erleben. Die Klimakrise wird als Thema gesehen, das man in einem Ministerium behandeln kann, als Hobby, das man betreiben kann, wenn gerade Zeit und Geld da ist.

Die Klimakrise unterscheidet sich aber von allen anderen politischen Herausforderungen: Man kann mit ihr nicht verhandeln, und sie ist zeitlich verzögert. Das, was wir heute tun, hat Auswirkungen in der fernen Zukunft. Die Regierungen reduzieren einen großen Teil ihres Kampfes auf schöne Reden und Ankündigungen, ohne dass etwas Substanzielles im Sinne von Emissionsminderung passiert. Das ist eigentlich logisch, denn bei vielen politischen Problemen, ob zwischen oder innerhalb von Ländern, helfen schöne Reden, Diplomatie und ein paar Zusagen erst mal. Da geht es geht um Kommunikation. Die Klimakrise ist aber ein materielles Problem, ein Problem der Physik. Da können wir noch so viele schöne Reden halten und uns an den Händen nehmen. Es geht darum, einen Politikstil zu finden, der es überhaupt mit der Klimakrise aufnehmen kann. Es gibt kaum politische Dynamiken, die es attraktiv machen, in langfristigen, transformativen Klimaschutz zu investieren, dafür ist das Problem zu langfristig. Es sprengt die Grenzen von Ländern und Wahlkreisen.

STANDARD: Das heißt, dass sich das aktuelle politische System gar nicht dazu eignet, ein so großes Problem zu lösen?

Neubauer: Wir wissen, dass die erfolgreiche Bekämpfung der Klimakrise nur in starken und selbstbewussten Demokratien funktioniert. Der Gegenentwurf davon ist vielleicht das, was wir phasenweise in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten erlebt haben. Wenn wir die Spaltung und Polarisierung vergrößern, dann gute Nacht! Wie will man Menschen da noch für die Klimakrise mobilisieren? Wir müssen uns fragen, welche politischen Mechanismen wir vielleicht erst erfinden müssen. Es ist naiv anzunehmen, dass wir ausschließlich mit dem Playbook der letzten 40 Jahre, das uns ja in diese Krise hineinmanövriert hat, wieder herauszukommen. Das fängt mit der Verstrickung der Politik mit fossilen Lobbys an.

STANDARD: Trotzdem ist in Umfragen die überwältigende Mehrheit für mehr Klimaschutz. Wählen die Menschen die „falschen“ Parteien?

Neubauer: In den meisten Parteiprogrammen wird ja angekündigt, das Abkommen von Paris einzuhalten. Man kann jede zweite halbgare Partei wählen, wenn man für Klimaschutz ist. Aber die Diskrepanz zwischen den Ankündigungen und der tatsächlichen Politik ist atemberaubend. Regierungen machen inzwischen so ambitioniert und professionell grünes Marketing, dass es immer schwieriger wird, zu erkennen, wo wirklich etwas Gutes dahintersteckt. Gerade die deutsche Regierung ist ja Weltmeister darin, Abkommen zu vereinbaren, aber dann so viele Loopholes zu erfinden und damit die Wirksamkeit drastisch zu reduzieren. Die Menschen, denen Klimaschutz wichtig ist, müssen sich gut überlegen, wie ernst sie es meinen, und wenn sie es ernst meinen, wann sie wieder mit uns auf die Straße gehen. Dass aber dieser Wille da ist, wurde auch im letzten Jahr deutlich. Und das ist hochgradig inspirierend.

STANDARD: Es gibt einen rasanten technologischen Wandel im Bereich der Umwelttechnologien: günstige erneuerbare Energie, Fleisch aus dem Labor. Könnte es sein, dass sich die Klimakrise bald von selbst löst? Und im Jahr 2038, wenn in Deutschland das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen soll, schon lange niemand mehr über Kohle redet?

Neubauer: Die Entwicklung ist natürlich beeindruckend. Wenn man die Klimakrise komplett dem Markt überlassen würde, hätten wir tatsächlich viele Probleme gar nicht, weil fossile Energie schon lange nicht mehr konkurrenzfähig ist. Der Haken ist aber, dass politisch dafür gesorgt wird, dass etwa Kohle so stark gefördert wird, dass sie mit den Erneuerbaren mithalten kann. Regierungen verbauen die Zukunft immer weiter, indem sie Übereinkünfte treffen, die langfristig verhindern, dass eigentlich logische marktorientierte Dynamiken ausgehebelt werden. Oft wird argumentiert: Die Klimakinder haben ein Problem mit dem Markt. Wir haben kein Problem mit dem Markt, wenn ihr den einfach mal machen lassen würdet! Das reicht allein natürlich nicht, der Markt hat natürlich ein unübersehbares Zeit- und Gerechtigkeitsproblem.

STANDARD: Das klingt überraschend liberal.

Neubauer: Es ist eine Frage des politischen Stils. Parteien müssen sich überlegen, wie ihr Modell der 1,5-Grad-Politik aussehen soll. Ob es dann sozialdemokratisch, liberal, konservativ oder grün umgesetzt wird, das sollen dann die Wähler entscheiden. Wollen sie Klimapolitik, die von Großkonzernen mit an den Start gebracht wird? Fair enough, dann macht es! Wenn ökologische Gerechtigkeit wichtiger ist, dann sollen es andere machen. Aber wir brauchen erst diese Angebote.

STANDARD: Fridays for Future gibt es jetzt seit etwa zwei Jahren. Sind Sie zufrieden mit sich selbst?

Neubauer: Ich höre immer wieder, dass Fridays for Future die einzige Bewegung ist, die so dermaßen erfolgreich und unerfolgreich gleichzeitig ist. Es hat sich viel verändert, der Diskurswandel ist unübersehbar. Es ist undenkbar, dass Regierungsansprachen gehalten werden, wo die Klimakrise nicht angesprochen wird – zumindest in modernen Demokratien. Es gibt kaum Unternehmen, die sich noch nicht zur Klimakrise geäußert haben. Wahlergebnisse haben sich verändert, die Europawahl wurde zur Klimawahl. Aber gleichzeitig steigen die Emissionen, vom kurzen Corona-Knick mal abgesehen. Nachdem wir aber zwei Jahre so viel Unmögliches möglich gemacht haben, gibt es überhaupt keinen Grund, infrage zu stellen, dass wir nicht noch viel mehr schaffen können.

STANDARD: Es fällt auf, dass an der Spitze der Klimabewegung und auf den Podien vor allem Frauen stehen. Interessieren sich Frauen mehr fürs Klima?

Neubauer: Es gibt Theorien, dass Klima ein weiches Thema ist und Frauen so einen Schutzreflex haben. Aber ich finde das, ehrlich gesagt, skurril – und ich könnte mir auch vorstellen, dass diese Theorie von Männern erfunden wurde. Einerseits sind wir einfach eine emanzipierte Generation, es ist selbstverständlich, dass wir uns Aufgaben aufteilen. Würden wir nicht in einem Patriarchat leben, wäre das auch überhaupt nicht außergewöhnlich. Und es gibt einen Vorbildeffekt. Greta Thunberg etwa inspiriert viele Frauen, die sich in der Bewegung dann gut aufgehoben fühlen. Dazu kommt, dass viele Entscheidungen der letzten vierzig Jahre, die uns in diese Krise geführt haben, von Männern gefällt wurden – einfach weil sie strukturell an der Macht waren. Vielleicht ist der Kontrast einfach eine logische Dynamik.

STANDARD: In den sozialen Medien schlägt Ihnen, neben viel Zustimmung, auch viel Hass entgegen. Wie geht man damit um?

Neubauer: Ja, das ist ganz krass. Ich hätte niemals erwartet, dass die Forderung, Klimapolitik zu machen, ein solches Aggressionspotenzial birgt. Wie ich damit umgehe, ist eigentlich völlig irrelevant, die Frage ist vielmehr: Warum ist das so? Wieso kann Hass so normalisiert sein? Wer hat diesen Leuten beigebracht, dass es okay ist, so was zu schreiben? Für viele sprengt es vielleicht das Vorstellungsvermögen, dass junge politische Frauen sich selbstständig organisieren und eine ganz neue Form von politischer Macht konstituieren. Und sie irritiert möglicherweise, dass wir nicht von irgendwem gelenkt oder finanziert sind, es einfach für die Sache tun, ohne Hintergedanken, ohne doppelten Boden. Das ist natürlich ein Clash in einer Welt, die von einer männlich dominierten Lobby gelenkt wird.

STANDARD: Vielleicht ist auch das Gefühl da, dass die Klimabewegung ihnen etwas wegnehmen will.

Neubauer: Das wird ja auch politisch und medial immer wieder befeuert. Auch Medienvertreter führen die Klimadebatte im Sinne von „Wem nimmt man zuerst welches Auto weg?“. Damit kann man toll polarisieren – und es klickt bestimmt gut. Aber das ist weder faktisch korrekt noch hilfreich in einer so essenziellen Debatte. Diese Kontrollverlust-Theorie ist natürlich nachvollziehbar. Wir stellen den Status quo infrage, von dem viele Menschen meinen zu profitieren. Dabei ist die entscheidende Frage: Was nimmt uns die Klimakrise heute schon weg? Meine Mutter ist Krankenschwester und kommt im Hitzesommer überarbeitet nach Hause, weil so viele ältere Menschen mit der Hitze nicht mehr umgehen können. Meine Verwandten in London müssen Angst haben, dass ihre Kinder auf dem Weg zur Schule Asthma bekommen, weil die Luft so verdreckt ist. Das ist eine Zumutung.

STANDARD: Können Sie sich vorstellen, dass aus Fridays for Future eine Partei wird? Auch die Grünen sind als Protestbewegung gestartet.

Neubauer: Ich fände es fatal, wenn wir die existierenden Parteien aus der Verantwortung nähmen. Wir brauchen demokratische Mehrheiten, die 1,5-Grad-Politik machen wollen, auf ihre Art und Weise. Alle sind gefragt – unabhängig davon, ob sie aus einer Umwelt-, Freiheits- oder Arbeiterbewegung hervorgegangen sind. In meinen Augen kann eine Parteigründung nur die allerletzte Lösung sein. Als die Grünen aus ihrer Bewegung eine Partei gemacht haben, war die molekulare Ausgangslage eine andere. Wir wollen nicht in 15 Jahren, wenn wir in der Midlife-Crisis sind, etwas verändern, weil wir gerade Bock darauf haben. Wir reden von den nächsten fünf Jahren, die entscheidend sind. Anzunehmen, dass wir jetzt übernehmen könnten, verklärt die Lage. (Philip Pramer, 27.11.2020)

Luisa Neubauer (24) ist Klimaaktivistin und bei Fridays for Future und weiteren Organisationen aktiv. Die Geografiestudentin lebt in Göttingen und Berlin. Kürzlich startete ihr Podcast „1,5 Grad“ auf Spotify.

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„Edition Zukunft“ ist der Podcast über das Leben und die Welt von morgen. Redaktion: Fabian Sommavilla, Jakob Pallinger, Philip Pramer | Produktion: Philip Pramer | Schnitt: Philip Pramer | Musik: Tristan Linton / polkadot | Logo: Wolfram Leitner

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