Dies & Das: Was 2020 trotzdem gut war

Was 2020 trotzdem gut war

Das Corona-Jahr Zwanzigzwanzig hat uns tiefe Emotionen abverlangt und viele Entbehrlichkeiten beschert. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht

Wir haben mehr Zeit für unser persönliches Universum gehabt, konnten verborgene Leidenschaften entdecken und nach der Pflege des Babyelefanten manchmal sogar den inneren Schweinehund zähmen. Zehn Redakteurinnen und Redakteure des STANDARD beschreiben ihre Erfahrungen.

Nachdenken an der frischen Luft
Foto: Gerhard Wild / picturedesk.com

Spazieren gehen

Das mit der inneren Unruhe begann im ersten Lockdown. Das Homeoffice ließ die Welt auf 65 Quadratmeter schrumpfen. Der Tagesablauf einigermaßen eintönig: Frühstück, Computer, Mittagessen, Computer, Abendessen. Sobald es dunkel wurde, hätte ich die Wände hochgehen können. Meine Lösung? Spaziergänge, abends. Klingt wahnsinnig langweilig, ist es aber nicht. Ich habe jedenfalls für mich entdeckt, dass mir das guttut.

Egal ob allein, mit Freund oder mit Freundinnen. Egal ob im Prater oder sonst wo in der Leopoldstadt. Meine Erkenntnis der vergangenen Monate: An der frischen Luft lassen sich Probleme wälzen, besprechen und manchmal sogar lösen. Und nein, der Spaziergang muss nicht Gesprächstherapie sein. Es geht auch nicht darum, Geschwindigkeiten zu messen oder die zurückgelegten Kilometer zu zählen. Manchmal reicht es, einfach so durch die stille Stadt zu laufen.

Ich arbeite übrigens seit längerem immer wieder im Büro. Wie ich die knapp zwei Kilometer nach Hause zurücklege? Immer seltener mit der U- oder mit der Straßenbahn. Ich habe fest vor, das beizubehalten. (feld)

Die Straße gehört uns, die Stadt auch
Foto: JOE KLAMAR / AFP

Zurückerobern

Und irgendwie war es schön. Es geschah gleich zu Beginn des Lockdowns, des ersten, damals im März, mitten in Wien.

Dort, wo sich sonst Menschenmassen über den Einkaufsboulevard schieben. Wo sich Menschenmassen über den hip gewordenen Markt ergießen, dort, an der Wienzeile, auf der man sonst sein Leben riskieren würde, versuchte man abseits einer Ampel den Gehsteig vis-à-vis zu erreichen.

Damals galt es, den heimgekehrten Sohn in seiner Selbstisolation zu versorgen. Er hatte beim Naschmarkt Quartier genommen, Mutter und Bruder bedachten ihn mit allerlei Überlebensmitteln. Auf dem Weg zu ihm: beinah gespenstische Leere. Der Boulevard verlassen, kein Auto auf der Straße. Die Stadt gehörte uns! Uns allein! Wir nahmen sie in Besitz: wanderten mitten auf der Fahrbahn hinunter, Richtung Naschmarkt. Und dort erst! Kein Rasen, Tosen, Brummen, kein Auto unterwegs. Zu dritt nahmen wir nun auch die Wienzeile in Besitz und plauderten ungestört: von einem Gehsteig aus zum anderen vis-à-vis.

Wir haben die Stadt zurückerobert. Und irgendwie war es schön. (gra)

Die US-Wahlen als perfekte Ablenkung
Foto: AP Photo/Andrew Harnik

Politisieren

Ständig über Corona reden? Nein, danke. Da hatten es die Außenpolitikinteressierten gut. Denn das Jahr 2020 gab ihnen die wunderbare Gelegenheit, sich so richtig reinzudenken in den Themenkomplex „Was macht eine stabile Demokratie aus?“. Das Paradebeispiel dafür: die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr der Wahlen. Staunend sahen wir zu, wie ein einzelner Populist ohne Skrupel und mit enormem Verkaufstalent die älteste dauerhaft moderne Demokratie der Welt auf die Probe stellte.

Trotz seiner brachialen, autokratischen, menschenfeindlich werteignorierenden Herangehensweise wurde Donald Trump im November von über 70 Millionen Menschen gewählt. Warum? Stundenlange Diskussionen im Kollegen- und Freundeskreis (per Videochat freilich) ließen uns Corona schnell vergessen. Wir sind dankbar für die wertvolle Erkenntnis: Die Errungenschaften der Demokratie sind nicht selbstverständlich und auch nicht immun gegen zerstörerische Einflüsse. Man muss darüber reden, sich ihrer bewusst werden. Immer wieder.

Die USA sind 2020 gerade noch einmal von der Klippe zurückgetreten. Gut. (mhe)

Blockparty im neuen Homestudio
Foto: Elektra

Musik hören

Während andere um Germ und Häuslpapier rauften, bin ich in den Hi-Fi-Laden: neuen Verstärker und, bei dem Weg, neuen Plattenspieler kaufen. Sicher ist sicher. Wer weiß, wie lange so ein Lockdown dauert? Im Geschäft: „Hören Sie sich den einmal an.“ Ich: „Sinnlos, ich war auf so vielen Konzerten, ich hör den Unterschied eh nicht.“ „Wetten?“, fragte der Verkäufer.

Einen finanziellen Blutsturz später verkabelte ich zu Hause neue Verstärker, Vorverstärker und Plattenspieler: Der Lockdown konnte beginnen – und es war eine schöne Zeit.

Manche Platten klangen wie noch nie gehört; als hätte da jemand ein weiteres Stockwerk eingezogen und noch ein paar Instrumente aufgenommen. Am besten war es, Hip-Hop über die neue Batterie zu hören: Ich habe geweint. Als würde ich bei RZA im Studio auf dem Schoß sitzen. Als würde Eric B. in meinem Gehörgang scratchen. Als würde ich mit Nas, Pete Rock und dem Ol’ Dirty Bastard die Straße runter zur Blockparty cruisen.

Nur die Nachbarn fanden es nicht so toll. Aber hey, wie hätte ich ihr Klopfen bei dem Lärm hören sollen – mitten im Ausnahmezustand? (flu)

Wenn man sonst nichts tun kann, geht man halt laufen.
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Laufen

Das Jahr begann ganz klassisch … Mit guten Vorsätzen: mehrmals pro Woche laufen gehen, konsequent und ohne Ausreden.

Normalerweise würde jetzt eine Geschichte des Scheiterns folgen, wie sich das für gute Vorsätze halt so gehört. Doch was war dieses Jahr schon normal? So habe ich es tatsächlich geschafft, mein V orhaben in die Tat umzusetzen. Corona sei Dank! Der Lockdown im Frühling hatte einen Großteil der Ablenkungen, Versuchungen und Ausreden aus dem Weg geräumt.

Nach getaner Arbeit Freunde auf ein Bier treffen? Ach so, Bars und Restaurants haben ja geschlossen. Okay, dann gehe ich halt laufen. Am Wochenende ein Museum besuchen? Geht nicht, auch das ist zu. Na gut, dann gehe ich halt laufen. Auf einer Technoparty tanzen? Fehlanzeige! Auch die darf nicht stattfinden. Na, dann gehe ich halt laufen. Mit Ende des Lockdowns war die Laufroutine fest etabliert. Und bevor der Schlendrian einkehren konnte, gab’s schon den nächsten Lockdown im Herbst, und die diversen Ablenkungen waren wieder futsch. Na, dann gehe ich halt laufen … (mich)

Noch nie war der Rasen so gepflegt
Foto: Getty Images/iStockphoto

Garteln

Zweitausendzwanzig dürfte als das Jahr in die Annalen unserer ganz persönlichen Gartenbaugeschichte eingehen, als das Gras auf dieser, unserer Seite des Zaunes ebenso grün war wie jenseits der nachbarlichen Thujenhecke. Wenn nicht sogar grüner. Die äußeren Umstände – wir kennen sie zur Genüge: Homeoffice, Lockdown, allen voran Kurzarbeit – machten Zeitressourcen frei, die direkt in einen bisher unbekannten gärtnerischen Ehrgeiz flossen.

Nicht dass unser Kleingarten davor verlottert gewesen wäre, das nicht. Aber davor war schon das wöchentliche Rasenmähen eher Pflicht als Kür, im besten Fall Kontemplation, die man sich im Alltag vom limitierten Zeitkonto abknapsen musste.

Jetzt also das volle Programm: mähen, vertikutieren, sandeln, düngen, wässern. Rosen schneiden, Obstbäumchen pflanzen, mulchen, Hochbeet umstechen, Gemüse pflanzen, Blattläuse bekämpfen … All das mit Muße und Genuss und dem Gefühl, dass man dadurch andere Pflichten nicht vernachlässigt. Der Lohn, neben Anerkennung der Nachbarn: ein Rasen fast wie aus dem Bilderbuch, Blumenpracht und eine zufriedenstellende Ernte. (max)

Konzentrierter im Kreis der Familie (oft)
Foto: APA/BARBARA GINDL

Zu Hause arbeiten

Die Verbannung aus der Redaktion war zunächst ein Schock. Ich hatte das Arbeiten zu Hause bisher strikt vermieden, geschrieben, recherchiert und besprochen wurde dort, wo es hingehört, in der Redaktion, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen. Wie soll das funktionieren, plötzlich das Büro zu Hause zu installieren? Bei Frau. UND KIND. Mika würde keinerlei Verständnis dafür aufbringen, dass in seinem Reich gearbeitet würde. Stundenlang in den Computer schauen, auf der Tastatur herumhämmern und telefonieren – etwas Öderes gibt es ja kaum.

Es hat erstaunlich gut funktioniert. Technisch klappt es gut. Und ich habe mehr Zeit. Nicht unbedingt für mich, aber für die Arbeit und die Familie, auch wenn beides mitunter auf Kollisionskurs geht. Ich kann zwischen den Sitzungen den Geschirrspüler aus- oder die Waschmaschine einräumen, ich kann kochen, Mika herzen, ihn dann wieder auf Distanz halten. Ich arbeite zu Hause konzentrierter, meistens jedenfalls, und dass die Chefredaktion in den Videokonferenzen mehr von meiner Familie mitbekommt, als ihr lieb ist, ist eigentlich ihr Problem, nicht meines. (völ)

Cocooning braucht jetzt keiner mehr
Foto: Imago/Bildgehege

Lust auf andere

Bevor das alles losging, geisterten immer wieder diese seltsamen Begriffe herum: Cocooning oder Hygge. Beides soll die Lust am „Einnesteln“ schön und lifestylig auf den Punkt bringen, den Rückzug ins Heim, ganz gemütlich, nur mit der Kernfamilie, Wollsocken und Yogi-Tee. Es war ja einmal durchaus verführerisch zwischen Job, Kind und Netflix das Leben mit Freunden und Freundinnen zu vernachlässigen, das Interesse an anderen zurückzuschrauben und es nur mehr als soziale Pflichtübung zu betrachten. Man hat eh schon genug um die Ohren, was denn bitte noch alles? Kurz zwischendurch pro forma die Suggestivfrage „Alles gut?“ via Whatsapp – und passt schon.

Doch diese schlechte Angewohnheit hat sich erledigt, versprochen: Sobald es wieder möglich ist, kommt ein fetter Schlussstrich unter Cocooning, Hygge und das karge Sozialleben. Mich dürstet es nach anderen! Nach Bergen von Geschirr und Gläsern nach langen gemeinsamen Abenden, nach dem Kater am Morgen, nach dem Leben, den Geschichten und auch dem Gejammer anderer. Wie langweilig ist einem doch inzwischen das eigene geworden, und das ist gut so. (beaha)

Wie Meerentzug zu mehr Mobilität führt
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Radeln

Ende März, Anfang April, als sogar die Rechtssprechung gelockdownt war, kam die niederschmetternde Erkenntnis: Mit Meeresluft zu Pfingsten wird es nichts werden. Wie überhaupt der Bewegungsradius ohne eigenes Kraftfahrzeug bei eingeschränkten Fahrplänen und erhöhtem Infektionsrisiko in öffentlichen Verkehrsmitteln überschaubar ist. Die Lösung: Ein Pedelec musste her.

Monate später ärgere ich mich, den Kauf nicht schon viel früher getätigt zu haben. Nicht nur, dass das Ding ungemein praktisch beim Transport der Einkäufe ist, man lernt durch die Suche nach der besten Radroute auch ganz neue Winkel der Stadt kennen. Kann bei der Fahrt in die Arbeit versuchen, seine eigene Bestzeit zu unterbieten und sogar als – nun ja – Nicht-Top-Athlet problemlos bis nach Hainburg kommen.

Und das Beste: Durch die vom Virus erzwungene Schließung der Gaststätten konnte man so viel Geld sparen, dass sich das elektrische Fahrrad quasi von selbst finanziert hat. So gesehen: Danke, Sars-CoV-2, für ein schickes Gefährt und mehr frische Luft als in den zwanzig Jahren davor. (moe)

Reger Austausch –aber jetzt virtuell
Foto: Image

Fern und doch nah

Großfamilien sind anstrengend. Jeder, der eine hat, kann viele Liedchen davon singen. Corona machte die Sache noch viel vertrackter – so sah es zumindest in den Anfangszeiten aus. Die Eltern spontan in den Bundesländern besuchen? Besser nicht, wurde da von der Obrigkeit verfügt. Den frischgebackenen Nachwuchs der Anverwandten sehen und gebührend würdigen? Oh nein, lieber verschieben. Was wusste man da schon von der Gefahr, die so ein Besuch für einen Minimenschen bedeuten würde. Auf einen Sprung bei den Kindern vorbeihüpfen? Vielleicht doch keine so gute Idee.

Also hat man sich arrangiert. In manchen Wochen griff man täglich zum Telefonhörer, die Zwetschken aus dem großmütterlichen Garten wurden kurzerhand per Post verschickt. Die ersten Krabbelversuche des Enkelkindes kamen per Videobotschaft an, und im Familienchat tauscht man immer noch rege tröstende Belanglosigkeiten aus oder diskutiert heftig Fragen wie Massentests. Wir alle haben technisch mächtig aufgerüstet, um ja kein Lebenszeichen zu übersehen. Wir sind über uns hinaus und trotz der Distanz zusammengewachsen. (rebu)



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