Thema Gesellschaft & Politik…#6

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Der Pöbel soll spuren

Öbag-Chef Schmid legt mit seinen Chats offen, was im Kanzlerumfeld Programm ist: Wer arbeitet, soll funktionieren und den Eliten zu Diensten sein

Im Gastkommentar werfen der Soziologe Jörg Flecker und die Soziologin Carina Altreiter einen Blick auf die rohe Bürgerlichkeit, die sich in den veröffentlichten Chats äußert. Und sie erläutern, was das für die Gesellschaft bedeutet.

In einem Chat bezeichnete Öbag-Vorstand Thomas Schmid Personen als „Pöbel“ und „Tiere“, die nicht der gesellschaftlichen Elite angehören, der er sich selbst zuzuordnen scheint. Einer Elite, die nicht mit „gewöhnlichen“ Existenzen in Berührung kommen will und sich selbst als das Besondere, Erhabene, Reine imaginiert, das durch einen solchen Kontakt beschmutzt werden könnte. Solche Haltungen sind skandalös, aber fester Bestandteil einer Klassenherrschaft, in der sich die Privilegierten von den weniger Privilegierten zu distanzieren suchen.

Schmid hätte als Öbag-Chef gerne den Diplomatenpass behalten und den Betriebsrat abmontiert. Foto: APA / Hans Punz

Es geht hier keineswegs darum, politische Korrektheit in privaten Konversationen einzufordern. Viel wichtiger ist es, auf die Haltung gegenüber denen „da unten“ hinzuweisen, die hier zum Ausdruck kommt. Hinter der Fassade zivilisierten Verhaltens begegnet ein Teil der wirtschaftlichen und politischen Elite der Mehrheit der Bevölkerung mit Abwertung und Missachtung. Diese „rohe Bürgerlichkeit“, wie sie der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer nennt, ist Gift für ein gedeihliches Zusammenleben in der Gesellschaft. Die Entscheidungen der Angehörigen der herrschenden Klasse haben durch deren Einflussmöglichkeiten in Politik und Wirtschaft nämlich unmittelbare Auswirkungen auf einen Großteil der Bevölkerung.

Slim-Fit-Fassade

Wenn man die Arbeiter und Arbeiterinnen und den größten Teil der Angestellten nicht als gleichwertig wahrnimmt, sind Angriffe auf deren Menschenwürde in Wort und Tat zu erwarten. Die jüngsten Enthüllungen im Umfeld des Bundeskanzlers lassen den berechtigten Eindruck zurück, dass hinter glatter Slim-Fit-Fassade die Verachtung weniger privilegierter Gruppen politisches Programm ist. Diejenigen, die die Arbeit machen, haben schlicht zu funktionieren, um den Eliten zu Diensten zu sein und deren Reichtum zu vermehren.

„Armut wird bewusst verschärft, um eigene Ziele zu erreichen.“

Die Forderung nach einem niedrigeren Arbeitslosengeld ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wird freilich in erster Linie als Symbolpolitik eingesetzt, um wider besseres Wissen zu suggerieren, die Erwerbslosen wären an ihrem Schicksal selbst schuld und müssten durch finanzielle Schlechterstellung, genannt „Anreize“, dazu gebracht werden, einen Job anzunehmen. Damit wird der Skandal überdeckt, dass die Arbeitsgesellschaft sehr vielen ihrer Mitglieder keine Erwerbsarbeit zu bieten hat und die meisten Unternehmen sich weigern, Personen über 55 Jahre oder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen einzustellen. Aber es handelt sich insofern auch um Interessenpolitik, als man vermeiden will, etwas an zu niedriger Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen zu ändern, um Personal für problematische Arbeitsplätze zu bekommen. Finanzieller Zwang soll dazu dienen, diese Zustände aufrechterhalten zu können. Armut – fast drei Viertel der Langzeitarbeitslosen sind armutsgefährdet – wird bewusst verschärft, um eigene Ziele zu erreichen.

Lästiges Beiwerk

Ein weiteres Beispiel ist die Reaktion auf die Abstimmung bei MAN Steyr aus der Regierung und von Wissenschaftern wie dem künftigen Wifo-Chef. Die Beschäftigten lehnten vor dem Hintergrund einer Beschäftigungsgarantie durch den VW-Konzern die Kündigung großer Teile der Belegschaft und drastische Lohnkürzungen bei einer Fortführung des Werkes ab. Dass sie auf die Einhaltung von Vereinbarungen und ihre verbrieften Rechte pochen, dass sie ihre Kolleginnen und Kollegen nicht im Stich lassen, wird ihnen als verantwortungslos ausgelegt. Sichtbar wird hier eine Mentalität, die Arbeitende als Dienstboten wahrnimmt, die sich dem Willen von Investoren zu beugen und sich als dankbar zu erweisen haben, wenn jemand schon bereit ist, den Standort zu übernehmen. Die Interessenvertretung der Beschäftigten gilt dann eher als lästiges Beiwerk, am besten „weg damit!“, wie Schmid schreibt.

Auch der Zwölf-Stunden-Tag passt hier gut ins Bild. Die wissenschaftlich nachgewiesene Beeinträchtigung der Gesundheit der Arbeitenden und Steigerung des Unfallrisikos nahm die türkis-blaue Regierung 2018 in Kauf, um den Unternehmen in diesem Punkt entgegenzukommen. Zuletzt setzte der Arbeitsminister sogar diese problematische Arbeitszeitobergrenze und die ohnehin zu geringen Ruhezeiten für das in der Corona-Impfkampagne benötigte Personal auch noch aus. Das wurde in der Notsituation ohne Murren hingenommen. Aber hätte man für den Transport des Impfstoffs nicht auch mehr Personal einstellen können?

„Die Arbeitenden werden zu ‚den Anderen‘ gemacht, denen kein Anteil am Reichtum und an den Annehmlichkeiten des Lebens zusteht.“

Die rohe Bürgerlichkeit wertet die Arbeitenden ab, sieht in ihnen nur Mittel zum Zweck und erkennt sie damit nur eingeschränkt als Mitmenschen mit eigener Würde an. Die Arbeitenden werden zu „den Anderen“ gemacht, denen kein Anteil am Reichtum und an den Annehmlichkeiten des Lebens zusteht. Dass viele davon Migranten und Migrantinnen sind, erleichtert die Spaltung der Gesellschaft nach Klassengrenzen und ermöglicht es, den Widerstand dagegen zu schwächen. Ausbeutung in einer entsolidarisierten Gesellschaft wird so leichter durchgesetzt.

Mit der rohen Bürgerlichkeit, wie sie die „türkise Familie“ und andere zeigen, wird der Grundkonsens verlassen, alle Menschen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen und ihre Würde zu achten. (Jörg Flecker, Carina Altreiter, 6.6.2021)

Jörg Flecker ist Professor für Soziologie an der Universität Wien.

Carina Altreiter ist Postdoc-Soziologin an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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