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Dies & Das: Der gekaufte Winter

Eine Bilanz der künstlichen Beschneiung in den Alpen

Zahlen – Daten – Fakten

 

April/Dezember 2015


Verfasser:
Sylvia Hamberger und Axel Doering
Gesellschaft für ökologische Forschung
und BUND Naturschutz in Bayern BN
unter Mitarbeit von Dr. Christine Margraf, Thomas Frey und dem Landesarbeitskreis Alpen des BUND Naturschutz in Bayern.


Mit herzlichem Dank an Dr. Wolfgang Zängl und Rudi Erlacher.
Prof. Dr. Carmen de Jong und Erwin Rothgang, Präsident von CIPRA-Deutschland, danken wir für wertvolle Hinweise.


Die Ausstellung „Alpen unter Druck“ des Alpinen Museums des DAV in München hatte zu unserer Veröffentlichung mit vielen Anregungen beigetragen (14.3.2014 bis 15.2.2015 in München und ab Herbst 2015 auf Wanderschaft).


Der gekaufte Winter

Inhalt
Prolog
Einführung in die Studie



Der Klimawandel … in den Alpen

Skifahren im Klimawandel

Beschneite Fläche in den Alpen

Was ist Kunstschnee?

Doping für die Kunstschnee-Piste 20

Neue Beschneisysteme 24

Der Energieverbrauch 26

Der Wasserbedarf 29

Die Kosten 35

Wer zahlt 38

Wer verdient 50

Die Rolle von Wintersportgroßveranstaltungen 70

Kunstschnee in den bayerischen Alpen 76

Die ökologischen Folgen 96

Folgerungen und Forderungen 116



Anhang und Literaturliste 118


 

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Prolog

„Winter und Skifahren“ – das sind zwei Zauberworte, die zusammengehören – und als solche ein Versprechen. Über fast ein Jahrhundert haben diese zwei Worte viel in sich angesammelt: Berge, Gletscher, Natur, Stille, Schneekristalle, aber auch die Namen berühmter Filmer wie Arnold Fanck, schneller Skifahrer wie Franz Klammer und die Namen riskanter Orte, die von Lawinen verschüttet werden wie Galtür im Jahr 1999. All das schwebt wie eine große, helle Wolke über den Alpen. Eine Wolke, die sich auch verdüstern kann und dann Gefahr birgt und Unheil entlässt. Nicht nur Fräulein Smilla hat ein Gespür für Schnee! Nein, ziemlich alle von uns.
Die Bilder, Ereignisse, das Spektakel, die Faszinationen aber auch die Katastrophen von „Winter und Skifahren“: In den Pistengebieten der Alpen ist davon wenig übrig geblieben. Es gibt keine Natur mehr, es gibt keine Stille mehr, es gibt keinen Pulverschnee mehr, es gibt keine Gefahren mehr. Das Knallen der Lawinensprengungen am frühen Morgen kündet dem Gast davon, dass es in der Nacht geschneit hat. Hinab mit dem unkontrollierbaren weißen Zeugs! Unwägbarkeit darf nicht sein. Dafür wummert Musik über Gipfelrestaurants, Ausgeburten der Ungemütlichkeit und des Gedränges. Die Berge, dreidimensionale Massierungen, auf deren Rücken und Hängen vielspurige weiße Autobahnen lasten. In der Nacht kreisen dieselgetriebene Irrlichter über die Hänge und die Schneekanonen pfeifen und fauchen dazu. Was ist geschehen? „Winter und Skifahren“ haben sich in eine Industrie verwandelt!
Diese Studie über „den gekauften Winter“ trägt nicht die Indizien zusammen, dass es tatsächlich so geworden ist, denn das Ergebnis ist evident, die Skidestinationen gleichen sich dahingehend wie Klone: Die Speicherbecken und die Sockel der Schneekanonen und die planierten Hänge enthüllen es im Sommer noch deutlicher als im Winter: Hier hat die eine und dieselbe Industrie sich der Bergwelt bemächtigt. Sie stellt her und verkauft die Illusion von „Winter und Skifahren“. Mit ihren Anstrengungen, den angesammelten Zauber dieser zwei Worte „Winter und Skifahren“ zum jederzeit verfügbaren und profitablen Massenprodukt zu machen, hat sie diesen Zauber großtechnisch vernichtet. Zwangsläufig hat sie ihr Angebot reduziert auf den Genuss von Geschwindigkeit und Fliehkraft und auf die Existenzfrage des Skifahrers „Stürzen oder nicht stürzen“; auf die tausendfache Wiederholung und Perfektionierung des immer Gleichen. Dazu hat man die Pisten geglättet, die Gondeln beheizt, den Berg in ein Fitnesscenter im Freien verwandelt. Die Mittel zum Glück sind abgezählt: Schnee, Skipass, Carvingski und Jagatee.
Wir haben im Folgenden nicht den Beweis geliefert, dass „Winter und Skifahren“ zur Industrie geworden sind, das Offensichtliche muss man nicht belegen, sondern wir sind in den Maschinenraum dieser Industrie gestiegen. Wir beschreiben, wie sie funktioniert. Aber nicht nur die Maschinen selbst, also die Schneekanonen, deren Wasser- und Energieverbrauch, die PS und den Diesel der Pistenraupen etc., sondern auch die Motive des Geschehens. Und da gehen wir dem Verdacht nach, dass die Akteure schon längst nicht mehr primär davon motiviert sind, als Discounter „Winter und Skifahren“ schön zu verpacken und sozusagen am Wühltisch anzubieten. Die Motive sind zwischenzeitlich ganz anders gelagert. Da geben die großen Skigebiete die Anzahl der Pistenkilometer vor, denen die kleinen Skigebiete hinterherhinken. Diese rufen in ihrer Not nach weiterer Erschließung und Zusammenschluss und nach neuen Liften. Da gibt es jene Beratungsfirmen, die um diese Zwänge wissen und von Kommune zu Kommune tingeln, um Lösungen zu verkaufen, die dann wieder andere Kommunen unter Druck setzen, mitzuziehen. Und so weiter.
Wir beschreiben also die Treiber und die Getriebenen. Aber alle sind getrieben vom Klimawandel, dem Temperaturanstieg, der dem „Winter und Skifahren“ im wahren Sinnen des Wortes den Schneeteppich unter den Füßen wegzieht. Und die Furcht geht um: Wann wird die Gesellschaft, wann werden die Gäste, wann werden die Skifahrer die Lust daran verlieren, zuzusehen und mitzumachen, wie eine über die Berge wuchernde Industrie, deren Produkt die stetige Verfügbarkeit von „Winter und Skifahren“ ist, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht? Denn der künstliche, mit immer mehr Technik und Energie hergestellte Schneeteppich könnte zum kalten Symbol werden der „Selbstverbrennung“, wie Hans Joachim Schellnhuber mit seinem neuen Buch die Selbstgefährdung des Menschen im Klimawandel nennt. Wer fährt dann noch in der 150-Menschen-Gondel bergwärts auf der Suche nach dem verlorenen Winter?
Der dokumentarische Blick in den Maschinenraum zeigt, dass die Arbeit an der Illusion „Winter und Skifahren“ immer noch auf Hochtouren läuft. Obwohl der Skifahrer-Peak überschritten ist. Obwohl die Erderwärmung von Rekord zu Rekord steigt. 2015 könnte es die symbolische Marke von 1° Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau reißen. Obwohl ein sportliches Skigroß-ereignis nach dem anderen davonschwimmt. Obwohl vier bayerische Gemeinden dem olympischen Skispektakel eine Absage erteilt haben. Aber auch: Weil existenzsichernde Alternativen zum „Winter und Skifahren“ in den Tourismusdestinationen nicht einmal imaginiert werden, weil die Schneeingenieure die schneeerzeugende Wollmilchsau versprechen, weil sogar WissenschaftlerInnen den davonfliegenden Schneeteppich festhalten wollen, indem sie der steigenden Temperatur noch Kälteperioden für die schneesegensreiche Arbeit der Schneekanonen abtrotzen.
Die Dokumentation all dieses „Obwohl“ und „Weil“ hat einen Zweck: Desillusionierung! Gerichtet an die Treiber und die Getriebenen: An vielen Orten der Alpen wird diese Industrie keine Zukunft haben – der Schneerausch geht zu Ende! Aber auch adressiert an uns Kritiker der Industrialisierung von „Winter und Skifahren“: Es ist noch zu viel Kraft im Maschinenraum. In der Physik nennt man einen Zustand, der bleibt, obwohl seine Voraussetzungen am Schwinden sind, Hysterese. Also: Die Industrie von „Winter und Skifahren“ wird nur langsam den Tatsachen nachgeben.
In der Geschichte sind Zustände der Hysterese Legion. Auch die Abwicklung der deutschen Braunkohlekraftwerke in der Energiewende steckt in einer solchen Hysterese. Eine Leidenszeit für alle Beteiligten. Ein Schleier der Melancholie legt sich über Raum und Zeit. Die Arbeit an der Desillusionierung dieses Zustandes fordert ihren eigenen Tribut: Sie ermüdet. Auch diese Dokumentation ermüdet – das liegt an der Natur der Sache. Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht zu sehen, auch wenn diese Dokumentation gerade das Gegenteil will: Die Sache der Zukunft soll wieder in die Hand genommen werden, gerade von den Akteuren vor Ort. Noch aber gleicht der Zustand der Hyterese der Industrie von „Winter und Skifahren“ der vierten Sage des Prometheus, wie sie Franz Kafka berichtet:
„Von Prometheus berichten vier Sagen: Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen verraten hatte, am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler, die von seiner immer wachsenden Leber fraßen. … Nach der vierten Sage wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde.
Blieb das unerklärliche Felsgebirge.“

 


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Einführung in die Studie

„6270 Fußballplätze, aneinander gereiht zu einem 70 Meter breiten und 660 Kilometer langen weißen Band von Wien bis Bregenz, durchgehend mit einem Meter Schnee bedeckt – das ist die Dimension der im Wasserbuch des Landes Tirol zur Beschneiung ausgewiesenen Flächen. Das zur Pistenbeschneiung genehmigte Wasser (in Trinkwasserqualität) könnte den Tagesbedarf von Innsbruck für nicht weniger als 455 Tage decken und reicht zur Erzeugung von 38 Mio. m³ Schnee.“ Institut für Geographie, Universität Innsbruck (2012): „Tirolatlas“

Die Verheißung von Schneesicherheit wird zum Geschäft mit dem Schnee. Der Klimawandel und die damit steigenden Temperaturen gefährden den Skitourismus – und führen zu großer Verun-sicherung, da alles Planen am schwindenden Winter hängt. Diese in tausenden von beschneiten Fußballplätzen gemessene Schnee-Verheißung soll beruhigen. Der Kunstschnee muss aus die-sem Dilemma helfen.
Aber Jahr für Jahr wissen die Verantwortlichen nicht, wie viel Schneeproduktion die immer wärmeren Winter zulassen werden. Die Folge ist, dass der „Industriekomplex Kunstschnee“ aus ökonomischer Sicht nicht ein Geschäft ist wie jedes andere. Es ist strukturell nicht nur geprägt von Angebot und Nachfrage, sondern auch davon, dass dem Geschäft im wahren Sinne des Wortes die Basis „wegschmilzt“. Dieses Geschäft ist von einer doppelten Unwägbarkeit be-stimmt: Wie wird der Winter? Wie ändert sich das Klima? Man muss sich gegen die Zukunft ver-sichern – mit Technik, immer mehr, immer raffinierterer Technik, immer teurerer Technik.
Deshalb wachsen die Kosten der Beschneiung den meisten Wintersportdestinationen über den Kopf. Deshalb kommen die Skidestinationen unter Zwang. „Skitourismus ist heute too big to fail. Dass Kunstschnee eine Fehlstrategie sein könnte, will niemand hören, auch wenn man die Limiten heute schon sieht.“ (Prof. Carmen de Jong, Universität Straßburg). Öffentliche Förder-gelder, die in die Beschneiung gesteckt werden, verstärken die Abhängigkeit vom Skitourismus. Sie führen aber nicht automatisch zu besseren Wintergeschäften, denn die Skifahrer werden weniger und die Konkurrenz könnte die Nase vorn haben. Der Zwang zum Besseren des Selben verzögert aber den notwendigen Strukturwandel. Den Verlierern dieses Überbietungswettbe-werbs bleiben die Schulden und eine kaputte Landschaft. Die Frage ist: Wer verdient und wer verliert?
Die Grenzen des Wachstums für den schneegebundenen Wintersport sind schon lange erreicht. Das steht im Kontrast zu getätigten oder weiteren geplanten Großinvestitionen. Die einzelnen Gebiete können und wollen ihre Investitionen bisher nicht auf den gesättigten, stagnierenden Markt einstellen. Mit Kapazitätssteigerungen, Neuerschließungen, Skigebietsverbindungen und einem größeren Angebot von Pistenkilometern erhofft man sich DEN Wettbewerbsvorteil, ob-wohl vor Gigantomanie und einer „Überinvestierung“ gewarnt wird.
All dies geschieht im Umfeld der globalen Klimaerwärmung, weshalb die benötigte Menge an technisch produziertem Schnee stetig zunimmt, gleichzeitig aber die Zeitspannen (Kälteperio-den), in denen die Schneeanlagen überhaupt betrieben werden können, immer kürzer werden
In den Alpen wird überall dieses fatale Spiel gespielt. Man verdrängt die symbolische Dimension dieses inszenierten Winters, der nur mit hohem Wasser- und Energieverbrauch aufrecht erhal-ten werden kann. Mit einer „Flucht nach vorn“ glaubt man das Schwinden des Winterschnees auszugleichen – und beschleunigt damit noch den Klimawandel.
Die künstliche Beschneiung, die Schneekanonen sind zum Symbol menschlicher Unbelehrbar-keit in Zeiten des Klimawandels geworden.[ps2id id=’einführung‘ target=’Einführung in die Studie „6270 Fußballplätze, aneinander gereiht zu einem 70 Meter breiten und 660 Kilometer langen weißen Band von Wien bis Bregenz, durchgehend mit einem Meter Schnee bedeckt – das ist die Dimension der im Wasserbuch des Landes Tirol zur Beschneiung ausgewiesenen Flächen. Das zur Pistenbeschneiung genehmigte Wasser (in Trinkwasserqualität) könnte den Tagesbedarf von Innsbruck für nicht weniger als 455 Tage decken und reicht zur Erzeugung von 38 Mio. m³ Schnee.“ Institut für Geographie, Universität Innsbruck (2012): „Tirolatlas“ Die Verheißung von Schneesicherheit wird zum Geschäft mit dem Schnee. Der Klimawandel und die damit steigenden Temperaturen gefährden den Skitourismus – und führen zu großer Verun-sicherung, da alles Planen am schwindenden Winter hängt. Diese in tausenden von beschneiten Fußballplätzen gemessene Schnee-Verheißung soll beruhigen. Der Kunstschnee muss aus diesem Dilemma helfen. Aber Jahr für Jahr wissen die Verantwortlichen nicht, wie viel Schneeproduktion die immer wärmeren Winter zulassen werden. Die Folge ist, dass der „Industriekomplex Kunstschnee“ aus ökonomischer Sicht nicht ein Geschäft ist wie jedes andere. Es ist strukturell nicht nur geprägt von Angebot und Nachfrage, sondern auch davon, dass dem Geschäft im wahren Sinne des Wortes die Basis „wegschmilzt“. Dieses Geschäft ist von einer doppelten Unwägbarkeit be-stimmt: Wie wird der Winter? Wie ändert sich das Klima? Man muss sich gegen die Zukunft ver-sichern – mit Technik, immer mehr, immer raffinierterer Technik, immer teurerer Technik. Deshalb wachsen die Kosten der Beschneiung den meisten Wintersportdestinationen über den Kopf. Deshalb kommen die Skidestinationen unter Zwang. „Skitourismus ist heute too big to fail. Dass Kunstschnee eine Fehlstrategie sein könnte, will niemand hören, auch wenn man die Limiten heute schon sieht.“ (Prof. Carmen de Jong, Universität Straßburg). Öffentliche Förder-gelder, die in die Beschneiung gesteckt werden, verstärken die Abhängigkeit vom Skitourismus. Sie führen aber nicht automatisch zu besseren Wintergeschäften, denn die Skifahrer werden weniger und die Konkurrenz könnte die Nase vorn haben. Der Zwang zum Besseren des Selben verzögert aber den notwendigen Strukturwandel. Den Verlierern dieses Überbietungswettbe-werbs bleiben die Schulden und eine kaputte Landschaft. Die Frage ist: Wer verdient und wer verliert? Die Grenzen des Wachstums für den schneegebundenen Wintersport sind schon lange erreicht. Das steht im Kontrast zu getätigten oder weiteren geplanten Großinvestitionen. Die einzelnen Gebiete können und wollen ihre Investitionen bisher nicht auf den gesättigten, stagnierenden Markt einstellen. Mit Kapazitätssteigerungen, Neuerschließungen, Skigebietsverbindungen und einem größeren Angebot von Pistenkilometern erhofft man sich DEN Wettbewerbsvorteil, ob-wohl vor Gigantomanie und einer „Überinvestierung“ gewarnt wird. All dies geschieht im Umfeld der globalen Klimaerwärmung, weshalb die benötigte Menge an technisch produziertem Schnee stetig zunimmt, gleichzeitig aber die Zeitspannen (Kälteperio-den), in denen die Schneeanlagen überhaupt betrieben werden können, immer kürzer werden In den Alpen wird überall dieses fatale Spiel gespielt. Man verdrängt die symbolische Dimension dieses inszenierten Winters, der nur mit hohem Wasser- und Energieverbrauch aufrecht erhal-ten werden kann. Mit einer „Flucht nach vorn“ glaubt man das Schwinden des Winterschnees auszugleichen – und beschleunigt damit noch den Klimawandel.

Die künstliche Beschneiung, die Schneekanonen sind zum Symbol menschlicher Unbelehrbarkeit in Zeiten des Klimawandels geworden.

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Der Klimawandel…

Beim 21. UNO-Klimagipfel (COP21) in Paris wird ein Klimavertrag vereinbart werden, der 2020 in Kraft treten muss. Die Emissionsreduktions-Ziele müssten etwa verdoppelt werden, um die globale Erwärmung tatsächlich auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen. Nur so wären eine drastische weitere Zunahme von Wetterextremen und ein Meeresspiegel-Anstieg vielleicht noch abzuwenden. Das heißt insbesondere: rigorose Energieeinsparungen auf allen Gebieten.

Die global gemittelte Temperatur der Erde ist in den letzten 100 Jahren um 1°C angestiegen. Das Jahr 2014 war weltweit das wärmste Jahr seit 1880, dem Beginn der Aufzeichnungen. Das Jahr 2015 steuert auf einen neuen Temperaturrekord zu.

Der Hauptgrund für die Erderwärmung ist der Ausstoß ungeheurer Mengen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) vor allem durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in den Industrie- und Schwellenländern. Der globale CO2-Ausstoß hatte im Jahr 2013 ein neues Rekordniveau er-reicht. Mit 35,1 Milliarden Tonnen (Mrd. t) wurden weltweit rund 670 Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr aus fossilen Energieträgern in die Atmosphäre emittiert als im Vorjahr (2012: rund 34,4 Mrd. t). Das ist ein Anstieg von 1,9 Prozent (Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien, IWR, 15.8.2014).

Der hohe CO2-Ausstoß hatte einen weiteren Anstieg der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre zur Folge: Der Wert von 400 ppm (parts per million) wurde ab Januar 2015 sogar mehr-fach überschritten (https://scripps.ucsd.edu/programs/keelingcurve). Der Konzentrationsverlauf des Spurengases Kohlendioxid wird seit 1960 in einer Kurve – der Keeling-Kurve – grafisch darge-stellt.

Nach allem, was wir wissen, war der CO2-Wert, seit es den Homo sapiens gibt, noch nie so hoch. Bei Untersuchungen von Tiefbohrkernen im Inlandeis der Antarktis konnten der CO2- und der CH4-Gehalt (Methan) in den Luftbläschen bis zu 700.000 Jahre zurück bestimmt werden. In diesen Schichten hat man nirgends einen CO2-Gehalt von mehr als 300 ppm (parts per million) gefunden (www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimaforschung/klimarekonstruktion/eisbohrkerne).

Der Klimawandel wirkt nicht „nur“ durch den Anstieg der Temperatur. Auch Stärke und Häufig-keit der Wetterextreme hat bereits außergewöhnlich zugenommen. Ein großes Forschungspro-jekt belegt diesen Zusammenhang deutlich: „Trotz einiger natürlicher Effekte und „unsicherer Kandidaten“ sind damit eine ganze Reihe von Wetterextremen des letzten Jahres „hausgemacht (…) Die Daten liefern erneut den Beweis dafür, dass menschliche Einflüsse das Risiko für eine immer größere Spannbreite von Wetterextremen verändert haben“ (Stephanie Herring (NOAA National Centers for Environmental Information) et al., Bulletin of the American Meteorological Society ©wissen-schaft.de 06.11.2015). Mit der Erwärmung steigt die Verdunstung über den Ozeanen. Stärkere Tiefdruckgebiete bilden sich aus. Die Energie entlädt sich in heftigeren Stürmen, Orkanen und sintflutartigen Niederschlägen. In Europa wurde eine Zunahme der Rekord-Regenfälle um 31 Prozent verzeichnet (www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/klimawandel-immer-mehr-rekord-regenfaelle). Auch längere Hitze- und Dürreperioden gehören zum Wettergeschehen im Klima-wandel. Die Auswirkungen sind drastisch: Überflutete Landschaften und meterhohe Schneefälle – wie im Winter 2013/14 auf der Alpensüdseite, gleichzeitig Schneemangel und hohe Tempera-turen auf der Alpennordseite.

Die Wetterextreme werden mit der Ausbildung „stationärer Jetstreams“ in Verbindung gebracht. „Jetstream“ werden die Luftströmungen in großer Höhe genannt, die in der nördlichen Hemisphäre in west-östlicher Richtung strömen und in weiten Wellen nach Süden und Norden ausgreifen. Sie bestimmen die Tief- und Hochdruckgebiete. Unter bestimmten Bedingungen wandern diese Wellen ungewöhnlich langsam, verstärken sich und führen dann zu extremen Wetterlagen in den unteren Schichten der Atmosphäre. Neue Datenanalysen zeigen, dass stationäre Jetstreams seit dem Jahr 2000 fast doppelt so häufig auftreten wie früher (Proceedings of the US National Academy of Sciences [PNAS]). Eine Ursache könnte der dramatische Rückgang der Eis-decke in der Arktis sein. Auch die Hitzewelle 2015 in Europa wird mit dieser Entwicklung erklärt. (Mehr Wetterextreme durch Aufschaukeln riesiger Wellen in der Atmosphäre, in Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, 12.08.2014/ www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1412797111).

… in den Alpen

Im Alpenraum steigt die Temperatur deutlich schneller. Die Erwärmung fiel in den letzten Jah-ren bis zu dreimal höher aus als im weltweiten Durchschnitt von ca. 0,9°C.Im Sommer zeigen sich die Folgen am schnellen Abschmelzen der Gletscher (www.gletscherarchiv.de) und an der Zunahme von Muren und Bergstürzen. Im Winter stellen das Ausbleiben von Schneefällen und Frosttagen die „Schneesicherheit“ in den Alpen infrage.2011 war das wärmste Jahr auf hohen Berggipfeln in Österreich und der Schweiz. 2013/2014 gehörte zu den wärmsten Wintern seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Während in den Südalpen in kurzer Zeit extreme Schneemengen vom Himmel fielen, war es in den Nordalpen ungewöhnlich warm: In Garmisch-Partenkirchen wurde beispielsweise ein Durchschnittswert von plus 0,8°C gemessen, der deutlich über dem langjährigen Mittelwert von minus 2,3 °C liegt.2014 war in Österreich – und auf der Alpennordseite – das wärmste Jahr in der 247-jährigen Messgeschichte (www.zamg.ac.at, Jahresrückblick/ Für den Alpenraum s. Klima-Datenbank: HISTALP). Mar-kant waren in diesem Jahr nicht lange Hitzewellen, sondern konstant überdurchschnittlich hohe Temperaturen. Bis Weihnachten 2014 gab es vor allem auf der Alpennordseite einen chroni-schen Mangel an Schnee. Dieser fiel erst in den letzten Tagen des Jahres, taute aber schnell wieder weg. Danach wechselten in schneller Folge Wärme, Föhnstürme und Kälte. Erst Ende Januar 2015 fiel Schnee, der längere Zeit liegen blieb.
Der Winter 2014/15 lag in Österreich um 1,8 °C über dem vieljährigen Mittel und ist damit der achtwärmste Winter der Messgeschichte (http://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/news/winter-2014-2015-mild-und-relativ-wenig-schnee). Im November 2015 ist es abermals viel zu warm – bis in große Höhen. Die Frostgrenze stieg bis auf 4000 NHN (Normalhöhennull). „Die Temperaturen in Gebirgslagen zwischen 1500 und 3000 Metern lagen im November um bis zu acht Grad über dem klimatologischen Mittel“ (Stefanie Gruber, Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, zit. inHandelsblatt 16.11.2015).

2. Skifahren im Klimawandel

„Schneesicherheit“ gilt noch immer als wichtigstes Werbeargument für Wintersportorte. Damit wird dem Wintergast bei seiner Urlaubsplanung versprochen, dass er zuverlässig Skifahren kann. Um das Prädikat „schneesicher“ zu erhalten, muss Schnee in der Zeit vom 1. Dezember bis 15. April an mindestens 100 Tagen und in einer Stärke von etwa 30 – 50 cm liegen. Dies sollte in sieben von zehn Wintern der Fall sein. Der rechtzeitige Saisonstart („Saisonstart-Indikator“) gilt als besonders sensibel (Abegg et al., Chur 2013).

Die sichere Schneelage an Weihnachten („Weihnachtsindikator“) ist für Wintersportorte wichtig, da zu dieser Zeit die Jahresskipässe verkauft werden und in den Weihnachtsferien ein maß-geblicher Anteil des Winterumsatzes erzielt wird. Lift-, Hotel- und sonstige Kapazitäten sind auf die Spitzenzeiten um Weihnachten und Neujahr ausgelegt.

Die ohnehin schwierige finanzielle Lage vieler Lift- und Seilbahnbetreiber und Wintersportge-meinden wird durch den Klimawandel noch verschärft (s. Kapitel 10: „Wer zahlt“). Selbst für die künstliche Beschneiung fehlen immer häufiger die kalten Temperaturen. Die Weihnachtsferien waren auch früher nicht immer schneesicher, aber heute sind zweistellige Plusgrade keine Aus-nahme mehr.

Der Klimawandel beeinflusst die Alpenwinter. Das belegen viele Studien. In den letzten Jahren wurden aber auch Studien präsentiert, die sich in Voraussagen über die Machbarkeit von Kunstschnee übertreffen. Der Kunstschnee und seine gravierenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen werden in nur wenigen Veröffentlichungen noch hinterfragt.

Niemand weiß, wie sich das Wettergeschehen im Klimawandel tatsächlich verändern wird. So ist das Auftreten der „stationären Jetstreams“ (s. o.) ein neues Phänomen, das theoretisch nicht vorhergesagt worden war.

Eine kleine Aufzählung der Schnee- und Nicht-Schnee-Verhältnisse in den Alpen:

  • Die Klimaerwärmung ist in den Messdaten von MeteoSchweiz (2013) eindeutig nachweis-bar. Die Zahl der Frosttage ist deutlich zurückgegangen und die Nullgradgrenze ist in allen Jahreszeiten angestiegen. Sowohl die Neuschneesummen als auch die Anzahl der Tage mit einer Schneehöhe von mindestens 5 bzw. 30 cm haben zwischen 1961 und 2011 deutlich abgenommen (zit. nach Abegg, Chur/Innsbruck 2013).
  • Wurden in den 1960er-Jahren noch rund 190 Schneetage registriert, sind es heute im Mittel nur noch rund 160 Tage (MeteoSchweiz – Klimaindikatoren, 12-2012).
  • Schon 1996 wurde prognostiziert, dass nur noch Gebiete oberhalb 1500 m über NHN die für den Skisport erforderlichen Schneehöhen während mindestens hundert Tagen aufweisen werden (Abegg, 1996).
  • Meteorologische Daten aus Kitzbühel belegen, dass die Schneehöhen seit den frühesten Aufzeichnungen stetig abgenommen haben, besonders stark aber seit der Mitte der 1980er-Jahre. Die Hauptursache für diesen Wandel ist der Temperaturanstieg. Niederschläge fallen inzwischen häufiger in Form von Regen. Die Daten der meteorologischen Station Sonnblick (3105 m/Hohe Tauern) belegen, dass in Österreich selbst in großen Höhen der Prozentsatz an festen Niederschlägen (Schnee) seit 1960 zurückgegangen ist. In den Schweizer Alpen geht die Zahl der Schneetage in den letzten 30 Jahren in allen Höhenstufen zwischen 200 bis 2700 m deutlich zurück (de Jong, 2011/2012).
  • 2007 stellte die OECD (Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in einer Studie fest, dass die Häufung wärmerer Winter und eine Vielzahl extremer Wetter-ereignisse eine „ernste Gefahr für die Schneesicherheit in den Skigebieten der Alpen und folglich für die wintersportorientierte regionale Wirtschaft“ darstellen: „Am stärksten wäre Deutschland betroffen, wo eine Erwärmung um nur 1°C zu einer Abnahme der Zahl der schneesicheren Skigebiete um 60 % führen könnte (im Vergleich zu ihrer derzeitigen Zahl). Bei einer Erwärmung um 4°C wäre in Deutschland so gut wie kein Skigebiet mehr schneesicher“ (KLIMAWANDEL IN DEN ALPEN – © OECD 2007).
  • Insbesondere zu Beginn und am Ende der Wintersportsaison sind gewichtige Störungen der Schneesicherheit zu erwarten (zit. nach: Fischlin, Andreas, Haeberli, Wilfried, Auch in der Schweiz wirkt sich der Klimawandel zunehmend aus).
  • Die Durchschnittstemperaturen sind in der Schweiz seit 1970 um 1,5° C gestiegen (SBS, 2014, zit. nach Iseli, 2015).
  • In Bayern lässt sich bereits seit den 1950er-Jahren ein klarer Trend zu schneeärmeren Wintern und kürzer andauernder Schneebedeckung in den unteren und mittleren Höhenlagen beobachten (LFU, 2008/2013).
  • Seit 1961 sind die Winter-Temperaturen im bayerischen Alpengebiet um ca. 1,6°C gestie-gen. Die Schneehöhen haben um bis zu 60 Prozent abgenommen (http://schnee-von-morgen.br.de/daten/).
  •  

Im November 2014 wurden vom Verband deutscher Seilbahnunternehmen (VDS) die Zwischen-ergebnisse einer Studie zur Beschneiungsklimatologie in Skigebieten des Instituts für Interdis-ziplinäre Gebirgsforschung (IGF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zitiert (Handouts, Nov. 2014). Die Studie wurde am 25.3.2015 veröffentlicht. Die Klimaerwärmung wird nicht angezweifelt, aber die Auswirkungen auf die Beschneiung bestritten Das Gutachten wurde von den Befürwortern der Beschneiung als Beweis verwendet, dass sich der Klimawan-del auf die künstliche Beschneiung nicht auswirkt(http://epic.awi.de/37875/1/Endbericht_Beschneiungsklimatologie_2015.pdf.

Dieser Aussage widersprechen andere Studien:

  • „Die Höhenlage der technischen Schneesicherheit lag im Zeitraum 1961 bis 1990 auf Talni-veau und würde bei einer Erwärmung um 2°C auf 1.500 bis 1.700 m steigen. Somit wäre die Beschneiung für bayerische Skigebiete aufgrund ihrer geringen Höhenlage keine sinnvolle Anpassungsstrategie an den Klimawandel “ (Steiger 2007: zit. nach: Mayer, Steiger, 2013).
  • Robert Steiger hat dies in der Studie für den DAV 2013 bestätigt. Selbst bei einem massiven Ausbau der Beschneiung wären in rund 20 Jahren nur noch 50 bis 70 Prozent der Skigebiete in den bayerischen Alpen (vielleicht) schneesicher. Auf lange Sicht haben allenfalls Skigebie-te auf der Zugspitze oberhalb von Garmisch-Partenkirchen und auf dem Nebelhorn ober-halb von Oberstdorf eine Überlebenschance.

Skisportveranstaltungen im Fernsehen wollen uns suggerieren, dass schon ein weißbraunes Band in grüner Landschaft genügt. Es genügt nicht: Wenn Schnee und die Winteratmosphäre im Unterland und auch in den Ferienorten fehlt, hat das die größten Auswirkungen auf den Skitou-rismus (Abegg et al., 2007). „Aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass beschneite Pisten in sonst schneelosem Terrain bei einer Mehrheit der Skitouristen sehr unbeliebt sind. Zudem wird die Qualität des Kunstschnees oft bemängelt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in-wiefern es sich überhaupt lohnt, in tieferen Lagen zu beschneien“ (Teich et al. 2007).

Trotzdem – oder deshalb? – werden die Ideen immer absurder: Die Betreiber einer Skipiste auf der Hohe-Wand-Wiese bei Wien hatten im Januar 2014 auf dem Übungshang Plastikplanen ausgelegt. So berichtet der ORF: „Die Kleinsten lernen das Skifahren auf Plastikpisten“ (ORF.AT, 6.1.2014).

Über 1.000 Schneekanonen für 238 Kilometer Pisten liefen zum Saisonstart in Ischgl am 28.11.2015 nicht, weil es zu warm war- Auf der Ischgler Idalpe in 2.300 Meter Höhe gab es zehn Grad plus und mehr. Ischgls bekanntester Hotelier Günther Aloys denkt beim Klimawandel an Kühlschlangen im Boden und ein gläsernes Dach über den Pisten: “Wir fliegen schließlich auch auf den Mond” (Dörnfelder, Andreas, Hubik, Franz, Frau Holle streikt in Ischgl, in handelsblatt.com 16.11.2015).

Zu welchen Forderungen der Schneemangel auch führen kann, zeigt auch das Beispiel aus Laax-Flims in den Schweizer Alpen: Für die Weihnachtsfeiertage 2014 hatte der Skigebietsbetreiber die Einheimischen wegen des Schneemangels per Anschreiben aufgefordert, mit dem Skifahren im beschneiten Skigebiet „aufgrund des zu erwartenden Gästeaufkommens zugunsten unserer Gäste zurückzutreten und als Einheimische auf die Nutzung der Anlagen solange zu verzichten, bis die Talabfahrt … verfügbar ist“ (zit. nach spiegelonline, Schneemangel in Schweizer Skigebiet; 25.12.2014). Für die Beschneiung der Talabfahrten war es zu warm.

Bei keinem anderen Ereignis wird so viel beschneit wie bei Skisportgroßveranstaltungen – und trotzdem taut der Kunstschnee immer häufiger und immer schneller weg. Sieht man sich die Liste der ausgefallenen Veranstaltungen allein der Winter 2013/2014 und 2014/2015 an (s. Kapi-tel 12: Die Rolle von Wintersportgroßveranstaltungen), kommen einem Zweifel, ob der Kunstschnee-boom überhaupt noch hält, was er versprechen soll: Schneesicherheit.

Nicht nur die „Schneesicherheit“ verliert jedoch ihre Grundlage: So betont Carmen de Jong, Professorin für Geographie am Gebirgszentrum der Universität Savoyen in Frankreich: „Die heute vorherrschende Addition von technischen Lösungen steigert in Zeiten des Klimawandels die Wasserübernutzung und Wasserknappheit und führt generell zu keinen dauerhaften Lösun-gen“ (de Jong 2013). Energie- und Wasserbedarf und die anderen Folgen der künstlichen Be-schneiung greifen bereits massiv in die fragile Bergwelt der Alpen ein.

Die früheren Vorsätze sind vergessen: Früher wurde nur die Korrekturbeschneiung zugelassen, weiße Kunstschneebänder in grüner Landschaft waren undenkbar. Inzwischen wird sogar über die Zulassung chemischer und biologischer Zusätze im Beschneiungswasser diskutiert, um eine schneearme Saison doch noch zu retten.

Das Hauptargument für den Kunstschnee ist die „ökonomische Stellung des Wintersports“. Na-türlich ist es bitter, wenn Wintersportgemeinden und Liftbetreiber keine Schneesicherheit mehr garantieren können. Aber die künstliche Beschneiung ist außerordentlich teuer – nicht nur für Umwelt und Natur. Für die meisten Skiorte wird sie auch ökonomisch zum Desaster.

Der Vorschlag, zumindest einzelne Berge in einem Skigebiet vermehrt Winterwanderern und Erholungssuchenden zugänglich zu machen, „ohne teure Pistenpräparierung, ohne laute Musik und ,Remmi Demmi‘“, gehört zu „neuen Bergbahnstrategien“: „Kritiker werden zu Recht ein-wenden, den Bergbahnen entgingen somit enorme Summen durch den Nicht-Verkauf von Skiti-ckets. Dem ist zu entgegnen, dass dadurch auch enorme Kosten für Beschneiung, Präparation und Sicherung der weitläufigen Pisten, also für das Hinunterfahren, wegfallen“ (Zegg, Roland, Inhaber der Beratungsfirma Grischconsulta: Navigieren in gesättigten Märkten, in Bündner Tagblatt, 16. April 2015).

Doch diese Erkenntnis setzt sich bisher nicht durch.

3. Beschneite Fläche in den Alpen

Kaum etwas veraltet so schnell wie die Daten zum Beschneiungsausbau.
Der Grund für die zahlreichen Beschneiungen, Kapazitätssteigerungen, Neuerschließungen und Skigebietsverbindungen ist die starke Konkurrenz der Skigebiete untereinander. Mit einem größeren Angebot an Schneekanonen und beschneibaren Pistenkilometern erhofft man sich einen Wettbewerbsvorteil in einem gesättigten und sogar rückläufigen Markt.

Mittlerweile werden fast alle Talabfahrten und auch die niedrig gelegenen Skigebiete beschneit. Beschneit werden aber auch hoch gelegene Skigebietszusammenschlüsse und sogar Gletscher. „2007 produzierten etwa 3100 Maschinen Kunstschnee – aber auf den gesamten europäischen Pisten. Sechs Jahre später verrichten fast siebenmal so viele allein in Österreich ih-ren Dienst“ (Österreich-Chef von TechnoAlpin zit. in Krutzler, David, 20.000 Kanonen zur Schneeherrlichkeit, derStandard.at,14.11.2013).

Immer schneller, immer mehr: „Die technische Beschneiung der Skipisten muss in immer kürzeren Zeiträumen erfolgen, was wiederum den ständigen Ausbau der Beschneiungsanlagen so-wie die Errichtung von neuen Speicherbecken erfordert“ (Präsident des Verbandes der Seilbahnunter-nehmen Südtirol, Siegfried Pichler, www.stol.it, 15.6.2010).

Alpenweit wird Jahr für Jahr weiter ausgebaut. Aber aktuelle und belastbare Zahlen über die beschneiten Pistenflächen in den Alpen gibt es nicht.

Beschneite Skipisten in den Alpenländern – eine Abschätzung

Land

Pistenfläche

beschneibar

in %

Quelle

Schweiz

22.439 ha

9.200 ha

41%

Seilbahnen Schweiz SBS 2014

Österreich

25.400 ha

Ca . 17.780 ha

70 %

Fachverband Seilbahnen Österreichs (2009)

D- Bayern – Alpen

3.700 ha

723 ha

20 %

Antwort/ Anfrage Hartmann 1/2015

Italien

22.500 ha

15.750 ha

70 %

SBS (2012) für Italien 2007/08

Frankreich

davon

Savoyen 2012

26.500 ha (2009)

7407 ha (2012)

ca. 7000 ha

2000 ha (2012)

26 %

Nach Abegg 2011: Badre 2009

de Jong 2014

Direction départementale des terri-toires de la Savoie –(2012)

Liechtenstein

138 ha

900 ha

60 %

www.bergbahnen.li

skiresort.de

Slowenien

1.200 ha

900 ha

75 %

Slovenian Tourist Board (2008)

nach Abegg (2011)

Zusammen

101.877 ha

53.436 ha

52 %

 

Trotz der mangelhaften Datenlage aufgrund z. T. älterer Länderstatistiken ergibt sich in dieser Übersicht bereits eine beschneite Fläche von über 50.000 Hektar im Alpenraum.

Wegen des schnellen Ausbaus von Pisten und Beschneiungsanlagen gerade in den letzten Jahren muss man aber davon ausgehen, dass die beschneite Fläche in den Alpen inzwischen wesentlich größer ist.

Wir schätzen deshalb, dass (Ende 2014) mindestens 70.000 Hektar im Alpenraum technisch beschneit werden.

Ein noch größerer Flächenanspruch ist nicht auszuschließen – zumal Flächen für Speicherbe-cken und andere Nebenanlagen, die ebenfalls zum Kontext „Beschneiung“ gehören, nicht auf-geführt werden.

„Klimatologen und Hydrologen warnten schon bei einer Konferenz 2007 in Wien vor Plänen, die Fläche für die künstliche Beschneiung in den kommenden Jahren zu vervierfachen, um damit einem Schneemangel durch den Klimawandel zu begegnen“ (www.welt.de/wissenschaft/ article818483/Schneekanonen-trocknen-Alpen-aus, 18.4.2007).
Als Grundlage dieser Prognose dient die Berechnung von CIPRA international 2004 – damals wurden etwa 23.800 Hektar beschneit. Das heißt: In absehbarer Zeit kann der Ausbau sogar bis zu 100.000 ha für die Beschneiung in Anspruch genommene Fläche umfassen (de Jong, 2014).

Zur Datenlage:

Wir haben die Tabelle, die Bruno Abegg 2011 in „Tourismus im Klimawandel“ der CIPRA veröf-fentlicht hatte, soweit es uns möglich war, aktualisiert. Aber es ist fast unmöglich, aktuelle Zah-len aus den (meisten) Alpenländern zu recherchieren. Frankreich hat 2009 Zahlen zu Skipisten und Beschneiung veröffentlicht – das Departement Savoyen im Jahr 2012 (Direction départementale des territoires de la Savoie), aus denen sich in etwa der aktuelle Beschneiungsausbau in Frankreich abschätzen lässt (es ist wahrscheinlich, dass der Ausbau größer ist). Aus Italien sind Zahlen zu Südtirol (ca. 90 % beschneit/z. B. Kronplatz 100 %) bekannt, es gibt aber nach unserem Kenntnisstand keine veröffentlichte aktuelle Statistik für alle Skigebiete Italiens. Österreich veröffentlicht zwar „neue Daten“, die aber – trotz des immensen Pisten- und Beschneiungsausbaus der letzten Jahre – geringer ausfallen als 2009 (s. u.).

Die der Berechnung zugrunde liegenden Länderdaten sind methodisch unterschiedlich aufgenommen (s. auch Abegg, 2011). Zum Teil werden auch Skigebiete außerhalb der Alpen einbezogen, deren prozentualer Anteil aber gering ist. Für Bayern haben wir nur Skipisten im Alpenbereich berücksichtigt. Die Angaben in Liechtenstein liegen in Kilometer vor und wurden auf eine durchschnittliche Pistenbreite von 60 Meter umgerechnet.

Zu Österreich: Die Angaben aus „Factsheet – Seilbahnen in Österreich – Winter 2013/2014“ und „Seilbahnen in Zahlen Winter 2014/2015“ („Österreichs Skigebiete bieten 23.000 ha Pisten-fläche. Über 60% dieser Fläche sind technisch beschneibar“) gehen von einer geringeren Pisten-fläche aus als 2009 und geben nur ungefähre Beschneiungsanteile an: . Andere Quellen nennen „über 70 %“: „Die Schneesicherheit steht bei der Destinationsentscheidung des Wintersportgastes ganz weit oben, welchem heute auf über 70 % der österreichischen Pistenfläche Schnee garantiert werden kann“ (JOURNALISTENSEMINAR -KAPRUN, Statement Franz Hörl, Obmann des Fachverban-des der Seilbahnen Österreichs, WKO 2012).

Da die Pisten- und Beschneiungsflächen seit 2009 laufend weiter ausgebaut – und nicht verrin-gert – wurden, verwenden wir hier die Angaben des „Fachverbands Seilbahnen Österreich 2009“, der eine Pistenfläche von rund 25.400 Hektar angibt (Dr. Karl, Ingo, Fachverbandsobmann der Seilbahnen Österreich, „Die Seilbahnen Österreichs investieren die Hälfte ihres Umsatzes in neue Anlagen!“, www.isr.at/113.98.html?L=0). In Österreich geht man 2013 von 20.000 Schneekanonen und 420 Speicherbecken aus (Krutzler, David, 20.000 Kanonen zur Schneeherrlichkeit, derStandard.at, 14.11.2013).

Zur Schweiz: Vollständige Zahlen zum Beschneiungsausbau und den damit verbundenen bauli-chen Maßnahmen existieren auch für die Schweiz nicht. Das belegt eine neue Forschungsarbeit in Zuammenarbeit mit Mountain Wilderness Schweiz (Iseli, Okober 2015). Die zentrale Fragestel-lung an die Skigebiete über Zahlen und Fakten zum aktuellen Ausmaß der Beschneiung wurde fast ausschließlich von kleinen und mittleren Skigebieten beantwortet – größere Skigebiet haben die Umfrage nicht ausgefüllt und auch wichtige Wintersportkantone waren nicht bereit, Auskunft zu geben (ebenda). Nach offiziellen Angaben von Seilbahnen Schweiz (SBS – s. Tabelle) wurden im Winter 2012/2013 in der Schweiz 41 % aller Pisten beschneit.

4. Was ist Kunstschnee?

„Wir sind hier an einem Ort zu Gast, an dem ein Märchen Wirklichkeit wurde. Frau Holle ist nicht mehr ein Traum, sondern eine technologische Errungenschaft …“ (Stefan Pan, Präsident des Südtiroler Unternehmerverbandes, Unternehmerempfang – Pan, 2013, www.stol.it).

Kunstschnee ist ein industrielles Produkt, dass am Ort des Bedarfs – meist entlang von Skipis-ten, aber auch an Loipen, bei Sportevents und in Hallen – maschinell hergestellt wird. Schneekanonen und andere Schneeerzeuger versprühen Wasser unter sehr hohem Druck durch Düsen. Ein Teil des Wassers verdunstet und entzieht der Umgebungsluft die Wärme. Der größte Teil der Tröpfchen gefriert zu einer schnee-eis-ähnlichen Substanz: zu Kunstschnee oder technischem Schnee. Die optimale Beschneiungstemperatur für solche Schneekanonen liegt bei Umgebungstemperaturen von minus 11°C (s. u.).

Dazu sind aufwendige technische Infrastrukturen erforderlich, die mit dem Umfang der beschneiten Fläche wachsen: Pump- und Kompressorstationen, Wasserfassungen, Entnahmebauwerke, Stromversorgungseinrichtungen, große Speicherbecken mit Kühlanlagen für das Beschneiwasser, frostfrei in Gräben verlegte Rohrsysteme für Wasser-, Druck- und Stromleitungen, Datenstationen sowie Zapfstellen entlang der Pisten. Das alles wird in Berg und Tal eingebaut und mit hohem Energie- und Wasserverbrauch betrieben.

Die einzelnen Schneekanonen und Schneelanzen sind an diese Infrastrukturen angeschlossen: In Betonschächten entlang der Pisten liegen etwa alle 50 bis 100 Meter Verbindungen zu den Strom-, Wasser- und Datennetzen. Der fest installierte „Elektrant“ als Zapfanschluss für die Schneemaschinen steht ganzjährig sichtbar auf dem Schacht oder liegt unter einem abgedeck-ten Sockel an der Piste.

Die Schneekanonen, Schneelanzen und Beschneitürme können fest montiert oder saisonab-hängig abnehmbar installiert sein. Fest installierte Anlagen und turmähnliche Konstruktionen mit abgedeckten Schneekanonen „bereichern“ auch im Sommer die alpine Landschaft, wäh-rend die Saisonkanonen zweimal pro Jahr meist mit Hubschraubern an- und abtransportiert werden müssen.

Große Speicherbecken dienen als Wasserreservoir. Das Wasser wird aus Flüssen, Bächen, aus Schmelzwasserabflüssen oder aus den Trinkwasserquellen im Tal in diese Becken gepumpt. Auf die ehemals geforderte hohe Qualität des Beschneiwassers (Trinkwasserqualität) wird nicht immer geachtet. Kühlanlagen und Kühltürme sorgen für die richtige Wassertemperatur im Speicherbecken. Denn Kunstschnee kann nur mit Wasser um den Gefrierpunkt produziert werden. Noch vor wenigen Jahren wurde das Wasser durch Umwälzung über die Wasseroberfläche gekühlt. Die Außentemperaturen steigen aber an. Zudem muss in immer kürzerer Zeit immer mehr Schnee produziert werden. Deshalb sorgen aufwendige technische Wasserkühlanlagen neben den Becken für eine Wassertemperatur von etwa 1,5° bis 0°C.

Zu warm, zu kalt: Die Schneekanone selbst wird beheizt, damit sie nicht einfriert.

Zur Kunstschneeerzeugung werden verschiedene Systeme verwendet:

  • Druckluftkanonen (Hochdrucksystem) versprühen das Wasser unter Druck von 5–10 bar. Der Druck wird von großen Kompresso-ren in einer zentralen Kompressorstation erzeugt und über Druckleitungen bis zum Schnee-kanonenanschluss unterirdisch verteilt. Neuere Systeme erzeugen die Druckluft an der Dü-senanlage. Hochdruckkanonen verbrauchen sehr viel Energie und sind extrem laut (max. 115 dBA, zum Vergleich: eine Gesundheitsgefährdung bei Menschen tritt bereits ab 85 dBA ein).
  • Propellerkanonen (Niederdrucksystem) Der Propeller erzeugt einen starken Luftstrom, der über den Düsenstock das Wasser in die Luft sprüht. Mit Misch- und Nukleatordüsen werden kleine Eiskristalle als Kristallisations-keime für das ausgeblasene Wasser produziert. Propellerkanonen werden am häufigsten eingesetzt. Auch sie haben einen hohen Stromverbrauch und sind ungedämmt sehr laut. Neuere Anlagentypen mit den Namensbezeichnungen „Silent“, „Super Silent“ oder „Piano“ laufen leiser (45–50 dBA), sind aber wesentlich teurer.
  • Der Trend geht hin zu Beschneiungstürmen mit fest installierten Propellerkanonen.
  • Schneilanzen: Über einen Düsenkopf am Ende der bis zu 12 Meter hohen Schneilanzen wird der Kunst-schnee ausgeblasen. Das Prinzip ist einer Niederdruckkanone ähnlich. Schneilanzen ver-brauchen weniger Energie und sind leiser. Aufgrund ihrer Höhe sind sie jedoch sehr wind-empfindlich, und der Schneestaub wird weit über die Pistenflächen hinaus verweht. Die Verdunstung ist bei Lanzenschnee besonders hoch. Einige Entwicklungen (wie Nessy Zero E der Firma Bächler Top Track AG) werden als Nullenergie-Schneilanze beworben. Die benö-tigte Energie zur Kunstschneeherstellung kommt nicht aus Kompressoren, sondern vom Wasserdruck eines höher gelegenen Speichersees. Auf den ersten Blick erscheint dies als sinnvolle Maßnahme, um den Energieverbrauch zu senken. Höchst problematisch ist jedoch die Einbeziehung und notwendige künstliche Überformung hochgelegener Bergseen. Die Schneilanze „NESSy ZeroE“ wird u. a. im Skigebiet Melchsee-Frutt in der Schweiz getestet, wo ein Bergsee als „Speicherbecken“ dient (Melchsee-Frutt: 11 Lanzen ohne Strom und Druckluft von Bächler, www.seilbahn.net, 21.10.2013).

Automatisierung der Kunstschneeproduktion: Unterschiedliche Beschneimaschinen können zu großen Einheiten zusammengeschaltet werden: mit direkt lenkbaren Schneeschläuchen, transportablen Kanonen oder Lanzen an der Piste oder montiert auf Eisengerüsten. Der Trend geht zu großen, fest installierten und vollautomatisch geregelten Anlagen. Verschiedene Schneekanonenmodelle, wie Hochleis-tungsturbinen für große „Wurfweiten“ (M20: High Performance Gun) können zugeschaltet werden. Mit einem satellitengesteuerten „Snowsat“-System, das in Pistenraupen integriert wird, soll durch GPS-gesteuerte Messung der Schneedicke der Schnee gezielter auf der Piste verteilt werden (Becker, Martin, Satelliten steuern die Pistenpräparation, Münchner Merkur, 20..10.2015)

Installation und Baumaßnahmen

Da sich planierte Pisten effizienter beschneien und präparieren lassen, zieht die Beschneiung in der Regel zusätzlich Pistenplanierungen nach sich.

Diese Pistenplanierungen, der Bau großer Speicherbecken, die oft großflächige Ausbringung des Aushubs sowie die Verlegung der Wasser-, Druckluft- und Stromleitungen in tiefe (frostfreie) Gräben und die gesamte Infrastruktur für Beschneiungsanlagen erfordern massive Geländeeingriffe mit schweren Baumaschinen in alpinen Hanglagen. Mit der Pistenbeschneiung ziehen sich diese Bauarbeiten von der Tal- bis zur Bergstation hinauf – das bedeutet auch den Bau von Zubringerstraßen für 60-Tonnen-LKWs und Planierraupen im Hochgebirge.

Pistenbearbeitung

„Mit dröhnenden Motoren und gleissenden Scheinwerfern kriecht ein halbes Dutzend Pisten-raupen durch die Abenddämmerung zur Mittelstation (…) Jetzt beginnt der Arbeitstag der Männer in den bis zu 510 PS starken und bis zu 5,5 Meter breiten Giganten der Skipisten. Nacht für Nacht präparieren sie eine Schneefläche von rund 120 Hektaren für die Wintersportler. Noch vor weniger als einem halben Jahrhundert hätte sich kaum jemand träumen lassen, dass Skifahrer und Snowboarder dereinst in Scharen über perfekt geglättete Hänge ins Tal flitzen würden, die eher wie weisse Autobahnen anmuten als wie von der Natur geformtes Gelände“ („Wissenschaft macht Pisten platt“, in NZZonline, 8.2.2014).

Mit dem Beschneien ist es nicht getan. Der Kunstschnee muss verteilt, flächig auf die Pisten aufgebracht und gewalzt werden. Die riesigen dieselbetriebenen Pistenraupen präparieren Nacht für Nacht und bei Bedarf auch am Tag die Skipisten der Wintersportorte. In der empfindlichen Gebirgswelt ist es fraglich, ob sich die Vegetation und der Boden nach diesen Eingriffen und dieser regelmäßigen „Behandlung“ noch regenerieren können (s. Kap. 14: „Die ökologischen Folgen“).

Schnee oder Nicht-Schnee

Die vielfältigen großen, hexagonalen Schneesterne des Naturschnees enthalten viel Luft und wachsen von innen nach außen in unüberschaubarer Vielfalt. Nicht von ungefähr gibt es die al-te Redewendung: Keine Schneeflocke ist exakt wie die andere.

Zauber der Schneeflocken: „Im Schneefall eröffnet sich für Naturfreunde eine wundersame Welt, die der amerikanische Autor Henry David Thoreau (1817–1862) so beschrieb: ,Wie ange-füllt mit kreativem Genie ist die Luft, die das erzeugt! Ich würde es kaum mehr bewundern, wenn echte Sterne fielen und an meinem Mantel hängen blieben.‘ Wasser ist ein so präsenter Stoff, dass man erwarten würde, es wäre bereits alles über Thoreaus ,kreatives Genie‘ bekannt – wie nämlich Schneeflocken ihre komplexen Strukturen entwickeln. Tatsächlich aber ist ein großer Teil des Wachstums dieser winzigen Meisterwerke auch heute noch ziemlich schwierig zu erklären, selbst auf einer rein qualitativen Ebene“ (G. Kenneth Libbrecht: „Wie Schneekristalle ent-stehen“, in Spektrum der Wissenschaft, Magazin, 25.01.2008).

Kunstschnee hat eine andere Struktur als Naturschnee. Er gefriert von außen nach innen – das führt zur Bildung kleiner runder Eiskörner (0.1–0.8 mm) – und ist bis zu viermal dichter und bis zu 50-mal härter als natürlicher Schnee. Er enthält zudem deutlich mehr Wasser (de Jong, 2011). Ein Teil des versprühten Wassers sickert direkt in den Boden und gefriert zu „Eislinsen“. Erst bei Lufttemperaturen unter minus 3°C und weniger als 80 Prozent Luftfeuchtigkeit kann Kunstschnee erzeugt werden. (Man versucht sich inzwischen auch im Nullgrad-Bereich, bei der die Lanzen und Schneekanonen weit mehr Wasser als Kunstschnee ausspucken). Der optimale Wirkungsgrad liegt bei Außentemperaturen von minus 11°C.

Im Gegensatz zu dem lockeren Naturschnee ist Kunstschnee sehr kompakt. Das trifft selbst für frisch „geschneiten“ Kunstschnee zu. Einen Schneehaufen vor der Schneekanone kann man betreten, ohne einzusinken: die Kunstschneeproduktion ist ein rein industrieller Vorgang.

„Leise rieselt der Schnee“? Hält man sich in der Nähe einer „arbeitenden“ Schneekanone auf, ist es vorbei mit den Wintergefühlen. Ohrenbetäubendes Pfeifen dröhnt in den Ohren. Auch in weiter Entfernung gehört dieses technische Geräusch zum nächtlichen Hintergrundrauschen in den alpinen Tourismusorten.

Charles Knight vom US-Nationalen Zentrum für Atmosphärenforschung formuliert es so: „Ich würde das Zeug nicht Schnee nennen“ (Pretzer, Cornelia, „Kunstschnee hat wenig mit Schnee gemein“, in www.faz.net, 18.2.2003).

Wird fortgesetzt!