Dies & Das: Chappatte’s Wochenkommentar

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Karikaturen sind unser wichtigstes Frühwarnsystem. Ein Kommentar von Patrick Chappatte
Kränkeln die Karikaturen, schwindet die Freiheit. Sie ist heute nicht nur von Autokraten bedroht, sondern auch von wütenden Mobs im Internet. Dennoch gibt es durchaus Grund für Optimismus.
von Patrick Chappatte
 
Karikaturist Patrick Chappatte.
 

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Politische Karikaturen, so schrieb die Zeichnerin Ann Telnaes, sind für eine Demokratie, was die Kanarienvögel waren, die Grubenarbeiter einst mit sich führten. Ihr Zustand sollte sie warnen, wenn der Sauerstoff im Stollen knapp würde.

Kränkelnde Karikaturen deuten auf schwindende Freiheit hin, den Sauerstoff der Demokratie. Das Ende für politische Karikaturen in der internationalen Ausgabe der «New York Times» auf den 1. Juli kommt daher einem Alarmzeichen gleich.

Die «New York Times» will ihre internationale Ausgabe der nationalen Ausgabe angleichen, wie es offiziell heisst. Vorangegangen war jedoch ein Entrüstungssturm gegen die Zeitung, nachdem sie im April über ein Netzwerk eine Karikatur des Portugiesen António Moreira Antunes bezogen und abgedruckt hatte. Zu sehen war Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu, der als Blindenhund den blinden Donald Trump mit Kippa führt. Das sei antisemitisch, hiess es.

Die Reaktionen an den Stammtischen des Internets waren heftig und laut. Die «New York Times» beendete die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk und kündigte später auch ihren beiden festangestellten Karikaturisten: Heng Kim Song aus Singapur und mir.

Cartoons sind ein symbolisches Ziel. Sie waren es schon immer. Sie sind besonders exponiert, weil sie direkte Kommentare sind und als visuelle Abkürzung funktionieren. Sie haben die unschlagbare Fähigkeit, den Geist zu berühren.

Das galt schon, als ich mit 21 Jahren meinen ersten Cartoon veröffentlichte, 1988 in der Zeitung «La Suisse» über den Ausbrecherkönig Walter Stürm. Inzwischen ist Stürm gestorben, auch die Zeitung «La Suisse» gibt es nicht mehr.

Aber seine spezifische Wirkung hat der Cartoon über all die Jahre behalten. Heute macht ihn gerade das zur umkämpften journalistischen Form. Aus drei Gründen.

Erstens: Die wirtschaftliche Lage der Presse hat sich, vor allem in den USA, verschlechtert. Das heisst ganz banal, dass sich viele Medien Karikaturen nicht mehr leisten können oder wollen. Zudem fürchten sich Redaktionen zunehmend davor, ihre Leser vor den Kopf zu stossen. Ironischerweise verliert die «New York Times» derzeit aber Abos, weil sei keine Cartoons mehr will.

Zweitens: Humor funktioniert lokal, Bilder sind heute global. Karikaturen sind darum exponiert wie nie. Das wichtigste Beispiel war 2006 der Streit um die Mohammed-Karikaturen in Dänemark. Es war der erste Kulturkampf der Globalisierung, ausgelöst durch Cartoons – mit blutigen Folgen. Das Attentat von islamistischen Terroristen auf die Zeitschrift «Charlie Hebdo» in Paris im Jahr 2015 bestätigte das.

Die globale Wahrnehmung von Karikaturen wird heute von den Netzwerken des Internets, die es 2006 so noch gar nicht gab, potenziert. Bilder und Wertungen werden in Echtzeit verstärkt.

Drittens: Die Reizbarkeit des Publikums hat zugenommen, auf den sozialen Netzwerken herrscht ein neuer moralischer Rigorismus. Jedermann ist jederzeit bereit, sich durch jede mögliche Karikatur beleidigt zu fühlen.

Und weil es auf den sozialen Netzwerken weder Filter noch zeitliche Verzögerung gibt, gilt das Gesetz: Die lauteste und wütendste Gruppe setzt sowohl Ton wie Interpretation. Jedermann will sich für das Gute empören, der Sturm schwillt sofort an. Klassische Medien haben wenig zu entgegnen – weder taktisch noch finanziell.

Wir alle haben als Individuen noch immer nicht gelernt, vernünftig mit den allgegenwärtigen Smartphones und den sozialen Netzwerken umzugehen. Dasselbe gilt für uns als Gesellschaft: Wir müssen schleunigst mit diesen neuen technischen Möglichkeiten klarkommen. Wir verhalten uns da wie Kinder. Es ist höchste Zeit, aufzuwachen. Und aufzuwachsen.

Leider gesellt sich diese neue Bedrohung der Meinungsfreiheit, die von leicht reizbaren Massen auf den sozialen Netzwerken ausgeht, zu den klassischen Angriffen von autokratischen Regierungen gegen Cartoonisten.

Etwa in der Türkei. Wer würde dort Kaiser Erdogan ohne Kleider zeigen, wenn türkische Cartoonisten es nicht können? Einer von ihnen, der Zeichner Musa Kart, sitzt derzeit im Gefängnis. Karikaturisten aus Venezuela, Nicaragua und Russland wurden ins Exil getrieben. In den letzten Jahren verloren einige der besten Cartoonisten der USA, darunter Nick Anderson und Rob Rogers, ihre Stellen, weil die Verleger ihre Arbeiten als allzu kritisch gegenüber US-Präsident Trump fanden.

Politische Karikaturen wurden mit der modernen Demokratie geboren. Und sie werden stets herausgefordert, wenn die Freiheit es ist. So gesehen ist die Krise der Cartoons tatsächlich ein Alarmzeichen für die Demokratie. Wir müssen es sehr ernst nehmen.

Gleichzeitig müssen wir weitermachen und aufhören, Angst zu haben – vor dem wütenden Mob auf den Foren des Internets und in den sozialen Netzwerken.

Aber trotz all diesen Alarmzeichen bleibe ich merkwürdigerweise dennoch positiv. Wir leben heute in einer Ära der Bilder. Ihre Macht war noch nie deutlicher als in unserer Welt mit ihren ultrakurzen Aufmerksamkeitsspannen.

Es gibt heute eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, nicht nur für redaktionelle Cartoons. Klassische Medien müssen sich erneuern und ein neues Publikum finden. In unserer verrückten Welt braucht es die Kunst des visuellen Kommentars – und auch den Humor – mehr denn je.


 

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