Dies & Das: Gerhard Polt(2x Audio)

Gerhard Polt wird in Salzburg mit dem „Ehrenstier“ ausgezeichnet© BR/Paul Busse

„Auch im Leerlauf kann man was werden“: Gerhard Polt im Gespräch

So richtig als Kabarettist versteht er sich nicht, und Preise hat der Schauspieler, Autor und Satiriker auch schon viele. Trotzdem freut sich Gerhard Polt sehr über den Ehrenpreis des Salzburger Stiers, wie er im BR-Interview betont.

Der große bayerische Kabarettist, Schauspieler und Satiriker Gerhard Polt hat am Freitagabendden Ehrenpreis zum „Salzburger Stier“ erhalten. Die Jury, die nur selten den Ehrenpreis vergibt, feierte Gerhard Polt als eine Ausnahmeerscheinung. Seit fast 40 Jahren tritt er gemeinsam mit Christoph und Michael Well auf, inzwischen in der neuen Formation als „Well-Brüder aus’m Biermoos„. Christoph Leibold hat mit Gerhard Polt und den Well-Brüdern darüber gesprochen, was ihm diese Auftritte, der Ehrenstier und überhaupt das Kabarett bedeuten.

Christoph Leibold: Herr Polt, Sie haben im Laufe ihres Lebens einige Preise bekommen. Haben Sie irgendwann mal mitgezählt, der wie vielte Preis der Ehrenstier in Salzburg ist? Da ist zumindest einiges dabei vom Deutschen Kleinkunstpreis über den Grimme Preis, den Göttinger Elch, den Valentin Preis… Es gibt von Ihnen ja den Spruch, dass jeder Preis unerbittlich seinen Preisträger sucht. Sie sind sehr oft gefunden worden von den Preisen. Was bedeuten Ihnen dann die Preise überhaupt noch?

Gerhard Polt: Jeder Preis hat ja einen Grund, warum man ihn kriegt – es ist immer eine andere Jury, ein anderer Preis. Die Preise unterscheiden sich schon. Den ersten Preis, den weiß ich noch gut, war der Kultur Förderpreis der Stadt München. Der war für mich sehr wichtig, weil es für mich sozusagen ein Zeichen war, dass das, was ich mache, eine Art Berufung ist.

Es kommt immer darauf an, welcher Preis es ist, wer den Preis vergibt. Es gibt Preise, die nimmt man an, weil er ja anzunehmen ist, annehmbar ist. Aber es gibt sicherlich Preise, wie zum Beispiel der, den ich jetzt krieg, den finde ich hochinteressant, weil der Salzburger Stier ist etwas Besonderes.

Nämlich?

Die Besonderheit, dass es ein Preis ist, der für Leute da ist, die innerhalb des deutschen Sprachraums sind. Die Salzburger-Stier-Idee war ja die, dass Leute, die in Wien Kabarett machen, auch in Württemberg oder irgendwo gehört werden. Das war damals eine Besonderheit, dass man dialektal und sprachlich und aus einem anderen auch politischen Kulturraum was hört. Zum Beispiel das DDR-Kabarett, das nach Österreich kam – zum ersten Mal durften die Kabarettisten ausreisen. Und dies verdanken wir Werner Schneyder, der damals zu dem Kreisky gesagt hat: „Herr Kreisky, tun sie was fürs Kabarett und laden Sie das Kabarett der DDR ein“.

Das Kabarett der DDR hatte Ausreiseverbot, weil es unter der politischen Ägide war. Da ist eben der Kreisky auf den Honecker zugegangen und so kam es, dass die nach Salzburg gekommen sind und da haben wir sie gesehen zum ersten Mal. Das Ganze war für uns eine sehr interessante Sache – damals war auch Hildebrandt dabei, ich weiß noch sehr gut, wie wir uns mit ihnen unterhalten haben. Die kannten uns, ich kannte sie nicht, weil ich natürlich nicht DDR-Fernsehen schaute oder so etwas. Aber es war interessant und die Salzburger Idee überhaupt, das im Sprachraum zu machen, ist eine sehr gute Idee.

Herr Polt, Sie bekommen jetzt den „Salzburger Ehrenstier“, das ist ein Kabarett Preis. Sie haben auch Filmpreise bekommen, sie haben auch einen Literaturpreis bekommen wie den Jean Paul Preis – laufen aber doch meistens unter Kabarettist. In einem alten Interview sagen Sie: Ich habe eigentlich das, was man als Kabarett bezeichnet, immer nur partiell bedient. Wenn Sie also gar kein reiner Kabarettist sind, was sind Sie dann?

Sicher, es ist eine Frage wie man das Genre etikettiert. Es ist ein großer Unterschied. Kabarettist in meinem Sinne sind Leute, die tatsächlich vorwiegend politische Situationen kommentieren. Ursprünglich war das Kabarett ein intellektueller Ausdruck und es war nicht in dem Sinne Brettl-Kunst oder sowas.

Sie sind ganz oft mit der Biermösl Blosn aufgetreten, jetzt mit den „Well-Brüder aus’m Biermoos“. Wie, würden Sie sagen, gewinnt das, was Sie auf der Bühne machen, dadurch, dass Sie noch die Musik dabei haben – und nicht nur Musik, sondern die mit ihrem eigenen anarchischen Humor an ihrer Seite?

Wir sind jetzt fast 40 Jahre beieinander und es ist einfach eine schöne Erfahrung fürs Publikum und für uns selber auch, dass bestimmte Lieder etwas ansprechen oder gewisse Texte verstärken: eine Situation, über die man nachdenkt – sei es aus der Gesellschaft oder aus dem Tun und Handeln von Menschen. Das Lied hat eine eigene Erzählkraft, eine vollkommen eigenständige Möglichkeit, und wenn sich das ergänzt mit den Texten, dann ist das vielleicht für das Publikum ein noch stärkerer Eindruck. Das heißt, wir haben die Möglichkeit, dadurch intensiver Themen oder Situationen dem Publikum nahe zu bringen.

Christoph Well: Aber ich muss noch sagen: Der Gerhard hätte nicht die Hälfte der Auftritte spielen können, wenn er selber gefahren wäre.

Weil?

Christoph Well: Sagen wir mal, er ist autofahr-technisch eine Schnecke oder Schildkröte. Er hat ein retardierendes Moment im Auto, manchmal kommt er über den zweiten Gang raus.

Gerhard Polt: Ich darf mir erlauben, zu sagen, dass ich im Stau wahrscheinlich der gelassenste bin, wenn’s nicht mehr weitergeht. Leerlauf ist für mich nicht das große Problem, auch im Leerlauf kann man was werden.

Gerhard Polt wird in Salzburg mit dem „Ehrenstier“ ausgezeichnet © BR/Andreas Marini

Es gibt von Ihnen den schönen Spruch, der immer wieder mal in Interviews auftaucht: Ich resignierte, aber vital. Was treibt Sie an?

Das ist wahrscheinlich, wie der Hildebrandt gesagt hat: Die Leute, die so was machen wie wir, sind eigentlich Triebtäter. Sonst täte man es ja nicht. Warum erzählt der Erzähler? Weil er meint, er hat eine Geschichte, die anderen Leuten auch Freude macht. Ich bin früher ein paar Mal gefragt worden, was verändern Sie denn da mit diesen Geschichten? Wollen Sie die Welt verändern?

Da habe ich mir gedacht: Die Welt will ich nicht verändern, aber meine Welt ist verändert worden, zum Beispiel als ich den Valentin gehört habe. Weil meine kleine Welt durch die Perspektiven, die der hat, nennen wir es jetzt einmal Froschperspektive, sich für mich auch ausgelöst hat, dass ich bestimmte Dinge anders sehen kann, anders empfinde. Dinge, die ich vielleicht vorher ernst genommen hätte, wo ich vielleicht einen anderen Pulsschlag gehabt hätte. Aber dadurch, dass ich lachen kann, dass man den Ernst auflöst, ist das eine wunderbare Geschichte. Und wenn es Leute gibt, die das können, dann habe ich eine Bewunderung dafür.

Sie können es offenbar auch, sonst kriegten Sie den Preis nicht. Ich möchte zum Schluss nochmal auf die Preisverleihung kommen. Eine legendäre Preisverleihung war natürlich die für den Deutschen Kleinkunstpreis, den sie 1980 bekommen haben, wo sie zehn Minuten lang nichts gesagt haben, beziehungsweise gesagt haben, wieso sie nichts sagen. So eine Preisverleihung ist eigentlich fast nicht mehr zu toppen. So schön kann es beim Stier dann doch gar nicht werden oder?

Diese Preisverleihung hatte ja eine Besonderheit, weil eine Bedrohung da war. Die Bedrohung war, ich solle mal durchlesen, was in dem Vertrag drinnen steht, den ich unterschrieben habe beim ZDF. Da stand drin, dass, wenn der sagt „Lassen’s das weg, das wird gestrichen“, dann war das damals natürlich schon sehr rigide und eine gewisse Bedrohung: „Wenn Sie die Sendung mutwillig kaputt machen, werden Sie in Haft genommen, dann können Sie es zahlen.“ Die Situation war für mich schon bedrückend. Und das war ja noch dazu so komisch, weil der zu mir gesagt hat: „Bitte lassen Sie doch den Namen Old Schwurhand weg.“ Es ging damals um Innenminister Zimmermann. „Lassen sie den Namen Old Schwurhand aus dem Text. Sonst wird die Sendung zu lang.“ Das hat der wirklich gesagt, und das hat mich natürlich sehr gefreut, weil das fand ich schon sehr komisch.

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radioSpitzen vom 10.05.2019 – 20:05 Uhr

RADIOSPITZEN – KABARETT UND COMEDY

Salzburger Stier 2019 – Ehrenpreis für Gerhard Polt

Dass der bayerische Satiriker Gerhard Polt am Freitag den Ehrenpreis zum „Salzburger Stier“ erhalten hat, ist schon etwas Besonderes. Zum einen, weil der „Salzburger Stier“ die einzige europäische Auszeichnung für Kabarett ist, zum anderen, weil nur in Ausnahmefällen ein Ehrenpreis vergeben wird.


 


 

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