Dies & Das: Chancen auf dem Land I

Ein Nahversorger ohne Personal, um ein Dorf wiederzubeleben

Die Kundschaft im Container scannt den Einkauf selbst und bezahlt dann. Die ersten Erfahrungen in der Salzburger Gemeinde Krispl-Gaißau sind positiv

Thomas Neuhold  10. Juli 2019, 11:00

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Es ist das wohlvertraute Bild eines kleinen Landdorfes in den Voralpen: die Raiffeisenbank und das Gemeindeamt, daneben ein kleines Bacherl, der Maibaum, ein Wartehäuserl für den Postbus, der als Parkplatz genutzte, gepflasterte Dorfplatz und ein Wirtshaus mit den in der alpinen Architektur unvermeidbaren, viel zu klobig geratenen dunklen Holzbalkonen, die bis unters Satteldach reichen.

884 Einwohner wurden am 1. Jänner dieses Jahres in der kleinen Tennengauer Gemeinde Krispl-Gaißau gezählt. Die ländliche Idylle mitten in der Osterhorngruppe, kaum eine halbe Autostunde von der Landeshauptstadt Salzburg entfernt, könnte nahezu perfekt sein, wären da nicht die blinden Fenster und die zugeklebten Auslagen im Haus schräg gegenüber dem Gemeindeamt.

Hier war bis März 2018 ein kleiner Greißler zu finden. Nach Jahren des zähen Ringens musste der Adeg-Markt dann doch schließen. Zu groß war die Konkurrenz der Großmärkte in Hallein und in der Stadt Salzburg geworden, wo auch die Einheimischen ihre Einkäufe tätigten. Mit dem kleinen Geschäft verschwand freilich nicht nur der einzige Nahversorger – auch einer der letzten sozialen Treffpunkte war dahin. Die blinden Auslagen wirken wie ein Fanal des Niedergangs der gewachsenen Dorfstruktur.

Kein Hofladen

Es blieb einer jungen Frau aus dem Ort vorbehalten, eine Initiative gegen die Verödung des Dorfzentrums zu ergreifen. Die Betriebswirtin Denise Ploner suchte nach einer Notlösung, mit der die Basisversorgung im Ort sichergestellt werden kann – und das mit geringem Kostenrisiko.

Herausgekommen ist die Dorfbox. Mitten auf dem Dorfplatz steht seit Anfang Juni ein kleines Containerhütterl, in dem auf engstem Raum so ziemlich alles zu haben ist, was man auf die Schnelle braucht: Grundnahrungsmittel von Mehl bis zu Nudeln oder Reis, verschiedene Milchprodukte, Öl, Essig, Süßigkeiten, Eis, frisches Gebäck, Wurstwaren und ein Grundsortiment an Fertigprodukten. Ergänzt wird die Produktpalette durch Erzeugnisse der umliegenden Bauern wie Kaspressknödel, Lammwürstel oder selbstgebackenes Bauernbrot.

 

Das kleine Hütterl auf dem Dorfplatz von Krispl-Gaißau im Tennengau soll die Nahversorgung sichern. Neuhold

„Aber die Dorfbox ist kein Hofladen, sondern ein kleiner Nahversorger“, betont Ploner im STANDARD-Gespräch. Zugeliefert wird von den üblichen Großlieferanten wie bei anderen Greißlern auch. Die Öffnungszeiten entsprechen ebenfalls normalen Geschäften. Das wirklich Bemerkenswerte ist, dass die Dorfbox ohne Personal auskommt.

Vertrauen und Ehrlichkeit

Die Kunden und Kundinnen scannen ihre Waren mit dem Strichcode selbst ein, übertragen die Gesamtsumme auf die Kassentastatur und zahlen dann mit Bankomatkarte oder gegebenenfalls auch bar in eine kleine Handkasse ein. „Hier basiert alles auf Vertrauen und Ehrlichkeit“, sagt Ploner. Nur für alle Fälle hat man eine Videoüberwachung installiert.

Und wie läuft es? „Die Erfahrungen in den ersten Wochen sind super.“ Nur ab und an muss sie ausrücken oder telefonisch Unterstützung leisten, wenn Kunden mit dem Bezahlsystem Schwierigkeiten haben. Dass irgendjemand etwas mitnehme und nicht bezahle, komme nicht vor.

Das finanzielle Risiko sei jedenfalls überschaubar, sagt die Betriebswirtin. 15.000 Euro hat sie in den Container investiert. Gehen die Förderansuchen für das Nahversorgungsprojekt durch, dann sinke die Investitionssumme noch.

Geöffnet ist es sechs Tage in der Woche.
Neuhold

Das Grundstück stellt die Gemeinde zu Verfügung. Abgesehen vom Strom für Kühlung und Klimaanlage habe sie kaum laufende Kosten. Bis spätestens Ende 2019 sollte sie die Ausgaben wieder herinnen haben, rechnet die FH-Absolventin für Management und Informationswirtschaft vor.

Wieder zusammenkommen

Das Geschäft läuft mit bis zu 80 Besuchen täglich gut. Wobei das Geldverdienen beim Projekt Dorfbox erst an zweiter oder dritter Stelle kommt. Wichtiger sei die Wiederbelebung der dörflichen Struktur, „dass die Leute wieder zusammenkommen“, sagt Ploner. Die Box richte sich nicht zuletzt auch an jene, die nicht so einfach zum Supermarkt nach Hallein fahren könnten, die mit dem kleinen Container wieder ein Stück Selbstständigkeit zurückerhalten: Ältere oder auch Kinder, die sich schnell ein Eis holen. (Thomas Neuhold, 10.7.2019)

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