Dies & Das: Wert der Vielfalt

Der Wert der Vielfalt – und ihre Bedrohung

Lebensräume verschwinden, Arten sind bedroht, Ökosysteme sind gefährdet – was bedeutet das für uns?

Vielfalt ist das wichtigste Arbeitsprinzip der Natur. Viele Arten sichern viele Möglichkeiten und Lösungen. Warum sollte das in der Wirtschaft anders sein?
Text: Franz M. Wuketits , brand eins

Unser Planet ist reich ausgestattet. Die Fülle der Lebewesen, die ihn bewohnen, ist überwältigend. Die Zahl der bekannten Pflanzen- und Tierarten, die heute auf der Erde leben, beträgt rund anderthalb Millionen. Fasste man die Beschreibung jeder Art – mit den wichtigsten Angaben zu ihrer Anatomie, Lebensweise und geografischen Verbreitung – auf einer Buchseite zusammen, ergäbe das etwa 1500 Bände zu je 1000 Seiten auf Regalen von insgesamt 75 Metern Länge – eine respektable Bibliothek. Aber lange noch nicht vollständig, denn wir kennen nur einen kleinen Teil aller Arten: Vorsichtigen Schätzungen zufolge leben auf der Erde heute mindestens fünf Millionen Arten. Die meisten Biologen, die sich mit der Vielfalt des Lebens, der Biodiversität, beschäftigen, gehen sogar von bis zu 20 Millionen Arten aus. Wir haben also noch sehr viel zu entdecken.

Gleichzeitig gehen unter dem Einfluss des Menschen und seiner Wirtschaft jährlich schätzungsweise 30000 Pflanzen- und Tierarten verloren. Die größten Verluste sind dabei in den tropischen Wäldern, den artenreichsten Lebensräumen der Erde, zu beklagen. Diese Wälder bedeckten noch vor weniger als einem Jahrhundert mehr als ein Zehntel der Landfläche unseres Planeten. Inzwischen ist ihre Fläche auf die Hälfte geschrumpft. Jährlich werden im Durchschnitt etwa weiter 20 Millionen Hektar abgeholzt. Damit verschwinden unzählige Arten für immer.

Nun ist das Aussterben in der Evolution ein natürlicher Vorgang. Seit das Leben entstanden ist, vor mehr als drei Milliarden Jahren, sind, laut seriöser Schätzungen, bis zu einer Milliarde Arten ausgestorben. Doch niemals hat eine einzelne Art andere Lebewesen so drastisch dezimiert, wie der Mensch es heute tut. Das ist ein schlechtes Geschäft. Denn unter den unzähligen Arten, die dabei für immer verloren gehen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viele, die uns wertvolle Ressourcen böten oder Substanzen enthalten, die bei der wirkungsvollen Bekämpfung heimtückischer Krankheiten helfen könnten. Man muss kein Naturromantiker sein, um für die Erhaltung der natürlichen Vielfalt zu plädieren – denn letztlich hängt unser Überleben als Gattung davon ab. Wir brauchen die natürliche Vielfalt – auch aus ökonomischer Sicht.

Warum Insekten viel wert sind Die Vielfalt der Lebewesen auf der Erde ist eine bisher sträflich vernachlässigte ökonomische Größe. Konrad Lorenz (1903-1989) betonte bereits Anfang der sechziger Jahre, dass ohne gescheite Ökologie keine gescheite Ökonomie möglich sei. Man hat ihn damals nicht verstanden (oder nicht verstehen wollen). Inzwischen sollte unser Verständnis der Zusammenhänge dieser Welt auch auf politischer und ökonomischer Ebene weiter gediehen sein.

Dazu ein Beispiel. Bei den uns heute bekannten und beschriebenen Tieren halten die Insekten mit mehr als 700 000 Arten den Rekord. Wozu brauchen wir Insekten? Viele von ihnen sind uns schlicht und einfach unsympathisch, und wir klassifizieren sie als Schädlinge, die Honigbiene ist eine der rühmlichen Ausnahmen. Wie aber der Insektenforscher und Soziobiologe Edward Osborne Wilson vorrechnet, würden wir Menschen das plötzliche Verschwinden dieser Tierklasse wahrscheinlich nur um einige Monate überleben, weil die Oberfläche des Festlands ohne Kerbtiere verfaulen würde.

Insekten sind mit Blütenpflanzen eng verbunden, und da sich viele andere Lebewesen von Insekten und Blütenpflanzen ernähren, würde das Erlöschen dieser Tiergruppe zu einem gewaltigen Massenaussterben rühren, dem in kürzester Zeit auch der Mensch zum Opfer fiele.

Aus biologischer Sicht ist der Mensch bloß eine der unzähligen Arten auf der Erde. Aber in den jüngsten Phasen seiner Evolutionsgeschichte hat er eine eindrucksvolle, neue Form von Vielfalt hervorgebracht: eine Vielfalt von Kulturen und Sprachen. Auch in dieser Hinsicht ist unser Planet reich ausstaffiert. Die Zahl der heutigen Völker und Kulturen (Ethnien) beträgt mehr als 5000, die Zahl der lebenden Sprachen mehr als 6000. Jede Kultur und jede Sprache haben ihre eigene Geschichte und sind so einmalig wie Organismenarten. Sie sind Archive des Wissens, wertvolle Ressourcen, mit denen wir aber ebenso sorglos umgehen wie mit den uns von der Natur zur Verfügung gestellten Rohstoffen.

Viele der Völker sind längst vom Aussterben bedroht und stehen kurz vor ihrem Untergang. Mit ihnen schwinden auch Sprachen. Etwa ein Drittel der heute gesprochenen Sprachen sind so genannte Kleinsprachen mit weniger als 1000 aktiven Sprechern. Man muss befürchten, dass es sie am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr geben wird.

Eine gescheite Ökonomie muss die Tatsache in Betracht ziehen, dass alle Völker mit ihren differenzierten Sprachen ein enormes Wissen über ihre Lebensräume angesammelt haben und über den Nutzen vieler Pflanzen- und Tierarten, die uns kaum bekannt sind, Bescheid wissen. Es ist sehr schade, dass dieses Wissen so lange ignoriert wurde und nun, unter dem Einfluss der westlichen Industriegesellschaft, Traditionen abreißen, die ihrerseits von großem Nutzen für uns sein könnten. So wenig, wie wir uns in eine Naturromantik zurückziehen müssen, um den Wert der Artenvielfalt zu erkennen, so wenig bedürfen wir einer Kulturromantik, um die kulturelle Vielfalt zu würdigen.

Das Zauberwort der Evolution Vielfalt ist gewissermaßen das Zauberwort der Evolution. Den Kern der Theorie von Charles Darwin (1809-1882), die das Grundgerüst der modernen Biologie darstellt, bildete die Einsicht, dass jede Art über eine Variationsbreite ihrer Individuen verrügt und dass allein die individuelle Variation Veränderungen (Evolution) überhaupt ermöglicht. Ihr ging die Erkenntnis voraus, dass das Leben auf diesem Planeten in einer ungeheuren Artenfülle auftritt. Kurz gesagt: Wo Unterschiede eingeebnet sind, dort geschieht nichts mehr. Es ist seltsam: Wir fliegen auf den Mond, versuchen mit außerirdischen Intelligenzen Funkkontakt aufzunehmen und hoffen, mittels gentechnisch manipulierter Lebewesen das Welternährungsproblem zu lösen. Gleichzeitig aber sind uns die meisten Lebewesen hier auf unserer Erde noch unbekannt, und wir zerstören die uns von der Natur in großer Fülle zur Verfügung gestellten Ressourcen. Ähnliches gilt für die Kultur. Auch kulturelle Evolution ist nur auf der Grundlage von Vielfalt möglich.

Eine Reduktion von Komplexität und Vielfalt hat auf allen Ebenen gefährliche Konsequenzen. Der Wettbewerb in der Natur ist gewissermaßen der Motor der Evolution. Aber er ist nur auf der Basis vielfältiger Varianten möglich. Auch die Wirtschart wird durch Wettbewerb angekurbelt. Wo aber alles normiert und standardisiert ist, kann man keine Kurbel mehr ansetzen. Das Aussterben ist, wie gesagt, ein natürlicher Vorgang. Auch Völker und Kulturen sind in früheren Zeiten, aus welchen Gründen auch immer, untergegangen. Aber wir sollten diese Vorgänge nicht beschleunigen.

Qualitatives Wachstum Eine der heute wahrscheinlich größten Gefahren für die Menschheit ist der Vormarsch von Monokulturen – im doppelten Sinn des Wortes. Diese Tendenz zur Vereinheitlichung der Welt mag der Wirtschaft kurzfristig Nutzen bringen, langfristig aber kann sie nur zu enormen Verlusten führen. Wie der Freiburger Biologe Hans Mohr ausführt, lautet die Losung für die Zukunft qualitatives Wachstum. Das bedeutet, dass die klassischen Zielsetzungen der Ökonomie – die möglichst effektive, schnelle Nutzung der Ressourcen und Profitsteigerung – überholt sind.

Es geht zum einen darum, einzusehen, dass die Wirtschaft nicht fortgesetzt auf Kosten nicht erneuerbarer Ressourcen wachsen kann, ohne letztlich selbst Schaden zu erleiden. Zu den nicht erneuerbaren Ressourcen zählen keineswegs allein die fossilen Brennstoffe – auch Organismenarten und Kulturen sind nicht erneuerbar, weil sie historisch einmalige Systeme darstellen.

Zum zweiten sind die erneuerbaren Ressourcen Wasser, Boden, Agrarland nur in dem Maße zu nutzen, in dem sie sich unter den jeweiligen ökologischen und ökonomischen Bedingungen ständig erholen können. Das Stichwort lautet auch hier Nachhaltigkeit – was aber kein bloßes Schlagwort bleiben darf, sondern endlich mit Inhalt gefüllt werden sollte.

Die Bedeutung der natürlichen und kulturellen Vielfalt wurde zu lange vernachlässigt, ein Teil dieser Vielfalt ist bereits kurzsichtigem Profitdenken zum Opfer gefallen. Eine florierende Wirtschaft aber ist wie ein orientalischer Basar – auch der lebt schließlich von der Vielfalt und Buntheit seiner Waren und Angebote, seiner Farben und Gerüche.

Wert der Vielfalt – 3sat 2018

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