Dies & Das: Forscher beobachten dramatisches Vogelsterben am Bodensee

VERLUST VON 25 PROZENT

Forscher beobachten dramatisches Vogelsterben am Bodensee

Ein Brutpaarschwund quer über viele Arten hinweg wurde nachgewiesen. Einer der Hauptgründe dafür ist der Verlust von Nahrung

2. September 2019

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Früher war die Rauchschwalbe rund um den Bodensee häufig anzutreffen. Mittlerweile haben ihre Bestände um 70 Prozent abgenommen. Die Tiere leiden so wie viele andere Vogelarten vor allem unter dem Verschwinden kleinbäuerlicher Betriebe und dem Rückgang an Insekten.
Foto: REUTERS/Thomas Krumenacker

Die ehemals umfangreiche Vogelschar am Bodensee schwindet dramatisch. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Wissenschaftern der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des deutschen Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie. 1980 lebten demnach am Bodensee noch rund 465.000 Brutpaare, 2012 waren es nur noch 345.000. Besonders betroffen von dem Rückgang sind einst häufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star. Die Entwicklung am Bodensee spiegle der Untersuchung zufolge einen europaweiten Abwärtstrend wider.

Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz der Zählungen von 1980 bis 2012 ausgewogen: Von den 158 rund um den Bodensee vorkommenden Vögeln haben 68 Arten zu- und 67 abgenommen, das entspricht jeweils rund 43 Prozent. Die Gesamtzahl an Arten hat sogar leicht zugenommen: Auf acht ausgestorbene Arten kommen 17, die sich neu oder wieder neu angesiedelt haben, darunter Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die von Schutzmaßnahmen profitiert haben.

Der Grund für diesen scheinbaren Widerspruch ist, dass vor allem häufig vorkommende Arten stark zurückgehen. Von den zehn häufigsten Vögeln am Bodensee haben sechs massiv abgenommen, zwei blieben unverändert und nur zwei haben zugenommen. Die Bestände des Haussperlings – 1980 noch die häufigste Art – sind zum Beispiel seither um 50 Prozent eingebrochen. „Das sind wirklich erschütternde Zahlen – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Rückgang der Vögel schon Jahrzehnte vor unserer ersten Datenerhebung 1980 begonnen hat“, erklärt Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Auf längere Zeit gesehen dürften die Bestandsverluste also noch wesentlich höher sein, berichten die Forscher im Journal „Vogelwelt“.

Agrarlandschaften besonders betroffen

Auffällig ist, wie unterschiedlich die verschiedenen Lebensräume betroffen sind. Der Studie zufolge gehen die Vögel rund um den Bodensee vor allem in Landschaften zurück, die vom Menschen intensiv genutzt werden. Dies betrifft vor allem die heutige Agrarlandschaft: 71 Prozent der auf Wiesen und Feldern lebenden Arten verzeichnen zum Teil drastische Bestandseinbrüche. Das einstmals in der Agrarlandschaft häufige Rebhuhn zum Beispiel ist rund um den Bodensee inzwischen ausgestorben. Auch Raubwürger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort heute nicht mehr.

Einer der Hauptgründe für diesen Rückgang ist der Verlust von Nahrung. So haben den Ornithologen zufolge am Bodensee 75 Prozent der Fluginsekten-fressenden und 57 Prozent der sich von Landwirbellosen ernährenden Vogelarten abgenommen. „Dies bestätigt, was wir schon länger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus“, sagt Bauer. Hinzu kommt, dass die heutigen effizienten Erntemethoden kaum mehr Sämereien für körnerfressende Arten übriglassen. Außerdem zerstören das frühe und häufige Abmähen großer Flächen, der Anbau von Monokulturen, der frühzeitige Aufwuchs des Wintergetreides, Entwässerungsmaßnahmen und das Fehlen ungenutzter Brachflächen vielen Arten des Offenlandes den Lebensraum.

Europaweiter Trend

Auch europaweit ging die Zahl der von Insekten lebenden Vögel in den vergangenen 25 Jahren deutlich zurück. Bachstelze, Wiesenpieper oder Rauchschwalbe – durchschnittlich um 13 Prozent sank die Zahl dieser Vögel laut einer im März im Fachjournal „Conservation Biology“ veröffentlichten Studie

Aber nicht nur aus Wiesen und Feldern, auch aus den Dörfern und Städten rund um den Bodensee verschwinden die Vögel. „Ein gestiegenes Ordnungsbedürfnis und eine geringere Toleranz gegenüber Lärm und Schmutz macht den Vögeln zunehmend zu schaffen. Offensichtlich können die Tiere inmitten der Häuserschluchten, Zierbäume und sauberen Nutzgärten immer seltener erfolgreich brüten“, so Bauer. Selbst „Allerweltsvögel“ wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (jeweils minus 24 Prozent) leiden massiv unter den sich verschlechternden Lebensbedingungen im Siedlungsbereich.

Einige Waldvogelarten als Gewinner

Dagegen scheint es den Waldvögeln am Bodensee vergleichsweise gut zu gehen: 48 Prozent der im Wald lebenden Arten verzeichnen steigende Bestände, nur 35 Prozent gehen zurück. Ein Beispiel dafür ist der Buntspecht mit einem Zuwachs von 84 Prozent. Wie andere Spechte scheint auch er bislang von den größeren Holzmengen in den Wäldern profitiert zu haben. Auch rund um die Gewässer am Bodensee haben mehr Arten zu- als abgenommen. Zu den Gewinnern zählt hier zum Beispiel der Höckerschwan.

Trotzdem gehen auch in den Wäldern viele Vogelarten zurück. Die Bestände des Waldlaubsängers sind zum Beispiel um 98 Prozent eingebrochen, die des Sommergoldhähnchens um 61 Prozent. So macht sich auch am Bodensee die intensive Holznutzung mit kürzeren Fällintervallen bemerkbar. Selbst in Schutzgebieten werden Horstbäume sogar während der Brutzeit gefällt. Ältere Bäume werden häufig aus Gründen der Verkehrssicherung abgeholzt, in den Wäldern werden neue Wege angelegt und feuchte Stellen trockengelegt. (red, 2.9.2019)

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